Die Geschichte des Verbandes

Ein Gespräch mit Ingvelde Geleng, Mitglied der ersten Stunde
von Ute Grundmann

»Zuerst waren wir ein ganz elitärer Club, man konnte sich nicht bewerben, sondern wurde zur Mitgliedschaft eingeladen.«

Zuerst, das waren die Anfangsjahre für den »Verband der deutschen Kritiker« und Ingvelde Geleng lacht ihr helles, ansteckendes Lachen bei der Erinnerung, wie sie als junge Theaterkritikerin von Walther Karsch, dem Gründer und ersten Vorsitzenden, Anfang der 50er Jahre zur Mitgliedschaft in diesem »Club« aufgefordert wurde. Da war sie, nach dem Studium von Theater- und Kunstwissenschaft, Germanistik und »ein bisschen Musikwissenschaft«, der Promotion, ihrer Zeit als Dramaturgin an der ersten städtischen Bühne im Westteil von Berlin, dem von Karl Heinz Martin geleiteten Hebbeltheater – und dort auch dramaturgische Mitarbeiterin des Gastregisseurs Walter Felsenstein, Kritikerin in der ersten Berliner Ausgabe der »Welt« (»noch vor Springer«) und Mitarbeiterin am Kulturspiegel des NWDR Berlin. Wenig später sollte sie, für sehr lange Jahre, die Aufgabe der Kulturkorrespondentin und Kritikerin der Deutschen Presse Agentur übernehmen.

»In Berlin waren die Kritiker ja abgeschnitten vom Geschehen in Westdeutschland«, erinnert Ingvelde Geleng an die Zeit des »Kalten Krieges«, dessen Grenzen man mit dem neuen Verband zu überwinden hoffte. »Wir wollten Einfluss auf die Kritik in Deutschland nehmen, von einer Zentrale aus, die außerhalb der Bundesrepublik lag. Das fand ich ganz richtig.« Außerdem habe man als West-Berliner immer das Gefühl gehabt, sich bestätigen zu müssen, und so war die Namensgebung als Verband der deutschen Kritiker auch der Anspruch, als deutsches Organ zu wirken und auszustrahlen. Nicht zuletzt, so bestätigt Ingvelde Geleng, stellte das Bemühen um qualitätsvolle deutsche Kritik auch eine Antwort dar auf die gerade seit fünf Jahren beendete Nazi-Zeit. »Wir waren alle Anti-Leute und wollten uns gegen das Restaurative in Westdeutschland absetzen.«

Das Innovative zu fördern, hatte man sich auch für den »Kritikerpreis« auf die Fahnen geschrieben, der für das Jahr 1951 zum erstenmal in sechs Sparten vergeben wurde. In der allerersten Tanz-Jury war Ingvelde Geleng dabei und der Preis für Dore Hoyer ist für sie »auch heute noch eine gute Entscheidung!« Die Freude und das Engagement, mit dem Kritikerpreis Künstler besonders hervorzuheben und zu fördern hat Ingvelde Geleng in all den Jahrgängen des Preises nicht verloren; sie war in wechselnden Jurys vertreten. Die bislang jüngsten Preise, über die sie mitentschied, gingen an Joachim Schlömer (Tanz, 1996), Yakov Kreizberg (Musik, 1997) und Sasha Waltz (Tanz, 1999). Die Entscheidung der Theater-Jury für 1993, wegen der Schließung des Schiller-Theaters keinen Preis zu vergeben, findet sie immer noch richtig: »Das ist schlimm, was da passiert ist und es ist unsere Aufgabe, dazu öffentlich Stellung zu nehmen!« Dass dabei aus Diskussionen um mögliche Preisträger auch schon mal Kräche unter Kollegen bis hin zum Austritt aus dem Verband wurden, sieht sie heute ganz gelassen: »Naja, Kritiker sind manchmal so.«

Sie ist aus einem ganz pragmatischen Grund zu dieser Zunft gestoßen. Nach der Geburt ihres ersten Kindes hatte sie »noch ganz brav sogar im Krankenhaus die Manuskripte gelesen, die die Autoren mir brachten« – und setzte so noch ihre Dramaturgentätigkeit am Hebbel-Theater fort. Chefdramaturg war Günther Weisenborn – »aber der dichtete«, erinnert sich Ingvelde Geleng an diese Zeit. Felsenstein, der damals schon die Komische Oper im ehemaligen Metropoltheater für sich aufgetan hatte, wollte noch eine Inszenierung mit ihr am Hebbel-Theater vorbereiten. Doch dazu kam es nicht mehr. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes zog sich Ingvelde Geleng vom aktiven Theater zurück: »Was kann man schon machen, wenn man zwei kleine Kinder hat? Abends ins Theater gehen« – und tags drauf drüber schreiben. 1948 kam sie so zu ihrer ersten Kritik und zur Begegnung mit einer alten Kritikerin, Beda Prilipp, die ihr unverblümt sagte, sie habe doch gar keine Ahnung. »Das möchte ich auch gerne mal so sagen. Dass man einfach loslegt, ist nicht das Wahre. Man muss erstmal denken, dann schreiben.« Solches Ethos und Handwerk zugleich möchte sie gerne an Jüngere weitergeben.

»Man muss versuchen, keine Vorurteile zu haben, weder positive noch negative; muss immer offen und tolerant reingehen – auch wenn einem eine Sache fremd ist. Und man muss so gut wie möglich verstehen, was Autor, Regisseur, Schauspieler wollen – auch wenn es mir manchmal trotzdem nicht gefällt Und wir Kritiker sind ja auch anfällig. Man muss immer wissen, dass die eigene Meinung nicht der absolute Maßstab ist.« Deshalb, so sagt lngvelde Geleng in einem Atemzug, »ist es so ein schwerer Beruf – aber ich würde keinen anderen wollen.«

Und so nimmt es die heute 83jährige immer noch mit manchmal fünf Premieren in der Woche auf, neugierig und begeisterungsfähig wie eh und je. Seit 1989 auch wieder im ehemaligen Osten der Stadt: »Dass man wieder ins Deutsche Theater kann und auf diesen wunderschönen Platz, das war so toll.« Denn konnte man in den ersten Nachkriegsjahren »einfach mit der S-Bahn zu Brechts ›Mutter Courage‹« fahren, waren später Passierscheine nötig. Und Ingvelde Geleng weigerte sich, den Trick mitzumachen, einen West-Pass zu beantragen, um jederzeit ohne vorherige Anmeldung einreisen zu können: »Ich bin überzeugte Berlinerin. Hier geboren und aufgewachsen, habe hier studiert und geheiratet, gelebt und gearbeitet

So blieben ihr die Theater im Ostteil der Stadt lange nur dann nicht verschlossen, wenn ihre Redaktion rechtzeitig einen Passierschein beantragen konnte. Der Verband versuchte, gerade bei den Kritikerpreisen immer wieder über die Mauer zu schauen. Frank Beyer (1979), Christoph Hein (1983), Harry Kupfer (1985) hießen einige der Preisträger, als Mauer und Grenze noch existierten. »Das Interesse der Kritiker an dem, was sich im Osten tat, war da; beim Publikum vielleicht nicht so«, erinnert sich Ingvelde Geleng; es gab aber auch Bestrebungen, den Verband zur »West-Berliner Angelegenheit zu machen, der kein Recht habe, für das gesamtdeutsche Theater zu sprechen«.

Das kannte sie schon aus ihrer Zeit als erste Geschäftsführerin der Deutschen Sektion des »Internationalen Theater Instituts« (iti), »als ich für den Beitritt der DDR zum iti plädierte, weil man doch ein Theatergebiet nicht ganz draußen lassen konnte«. Das aber widersprach dem Zeitgeist und den Richtlinien des Innenministeriums und dessen Kulturabteilung für ausländische Beziehungen. Anfang der 60er Jahre gab sie die Geschäftsführung im iti auf, engagiert sich dort aber weiterhin und erinnert sich gut an ein weiteres Zusammentreffen von Kultur und Politik: »Der Kongress des iti 1967 fand in New York statt – während des Sechs-Tage-Krieges.«

Dass mit der sogenannten »Wende« die deutsch-deutsche Teilung überwunden wurde, findet Ingvelde Geleng natürlich wunderbar, »aber es hätte intellektueller passieren müssen. Es war zu sehr eine Annexion«. Und natürlich öffnete sich auch der Verband – längst vom West-Berliner zum bundesdeutschen Verein geworden – nun auch für die Kollegen in den neuen Bundesländern. Für alle gilt nach wie vor das Ziel, das Niveau der Kritik zu heben und die Interessen der Kritiker zu vertreten.

Ihr Bild dieser besonderen Zunft hat lngvelde Geleng 1974 in der Verbands-Zeitschrift »Kritik« (der Vorläuferin der heutigen »Kritischen Korrespondenz«) so beschrieben: »Der Kritiker wird einen Standpunkt haben, den er nicht zu verleugnen braucht. Aber er wird nur dann Eindrücke auch jenem Publikum vermitteln können, das eine andere Meinung bevorzugt, wenn er unvoreingenommen, was nicht voraussetzungslos bedeutet, reagiert und diese Reaktionen kritisch wiedergibt.«

Dem »Verband der deutschen Kritiker« wünscht lngvelde Geleng »Debattierfreudigkeit mit Toleranz, das ist sehr wichtig. Außerdem sollten wir ernster genommen werden und uns häufiger öffentlich einmischen und zu Wort melden. Und schließlich wünsche ich mir junge Kritiker, die auch bereit sind, von uns Alten noch etwas zu lernen.«

Ingvelde Geleng starb am 18. Januar 2007 im Alter von 89 Jahren.

© Verband der deutschen Kritiker e.V.