Preisverleihung am 13.6.2009, Philharmonie Berlin

 

Wend Kässens
Begrüßungsrede

Verehrte Preisträger des Deutschen Kritikerverbandes, werte Gäste, die Sie die Preisträger und diese Preisverleihung durch Ihre Anwesenheit beehren und begleiten, liebe Kritikerkolleginnen und –Kollegen, meine Damen und Herren – als neuer Vorsitzender heiße ich Sie bei der Verleihung der Deutschen Kritikerpreise des Jahres 2009 willkommen! Ich freue mich darüber, dass das Interesse an dieser Preisverleihung wieder so groß ist!

Seit 59 Jahren vergibt der Deutsche Kritikerverband die Deutschen Kritikerpreise – in diesem Jahr erneut mit neun Auszeichnungen in neun Sparten – ergänzt um einen Ehrenpreis in der Sparte „Film“. Daß wir diesen Festakt, nach der Preisverleihung in Cottbus im vergangenen Jahr, erneut im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie begehen können, wo er schon durch den Raum zu einem würdigen Ereignis wird, das verdanken wir der Intendantin dieser Institution im berühmten Scharoun-Bau, Pamela Rosenberg – die, das vermute ich mal, den Einflüsterungen unseres 2. Vorsitzenden, des Dramaturgen der Berliner Philharmoniker, Helge Grünewald, erneut erlegen war. Im Namen des Kritikerverbandes sage ich beiden, Frau Rosenberg für ihre Großzügigkeit, Helge Grünewald für seine erfolgreiche Einflussnahme und die enorme Arbeit, die er in diese Preisverleihung und ihr Gelingen gesteckt hat, ganz herzlichen Dank!
Ein Dank natürlich auch an die Juroren, die uns wieder preiswürdige Ereignisse, Institutionen und Personen präsentieren. Und ein weiterer Dank geht an die Geschäftsführerin, Frau Grundmann, ohne deren Arbeit einige Jurys vielleicht noch heute diskutieren oder nach den richtigen lobenden Worten suchen würden. Das ist im Prinzip ein gutes Zeichen, dass da Auseinandersetzung ist, die Argumente hin und her gehen. Wenn es die Aufgabe der Kritik ist, und ich wüsste keine andere, die Künste zu vermitteln und Orientierung in und zwischen den Künsten zu geben, dann muß es auch gelingen, die künstlerisch und innovativ herausragenden Ereignisse zu finden, sich festzulegen, diese herauszustellen und zu würdigen. Das ist es, was hier stattfindet. Nur der Verband der deutschen Kritiker bemüht sich auf Grund seiner Struktur darum, den Dialog mit allen Künsten zu führen. Das ist auch das Besondere an diesem Verband, das Pfund, mit dem er vielleicht deutlicher als bisher wuchern muß. 

Meine Damen und Herren, die Preisverleihung der Deutschen Kritikerpreise ist unser Höhepunkt des Jahres! Aber sie darf in der öffentlichen Wahrnehmung nicht die einzige Aktivität des Verbandes sein! Wir müssen und wir werden versuchen, darauf hinarbeiten, einer fundierten Kritik, die aus Erfahrung, Kenntnis, Arbeit und Auseinandersetzung erwächst, wieder mehr Geltung zu verschaffen. Das geht nur mit den Künsten zusammen! Wir brauchen uns gegenseitig! Die Vereinnahmungstendenzen der Kulturindustrie sind umfassend! Wo die Kunst nur noch Ware ist, ist der Kritiker nur noch als Verkäufer gefragt. Wollen wir das sein? Wollen wir mit den Showstars der Kunst- und Kulturindustrie erfolgreich das Blendwerk der nackten Unterhaltung betreiben – oder wollen wir die ernst zu nehmenden Künste kritisch begleiten und unterstützen in ihrem Bemühen, uns mit dem ganz Anderen zu konfrontieren, uns das Sehen, Hören und Sprechen, das Denken neu zu lehren, die Sinne zu schärfen, die Differenzierung zu verlangen, den Charakter zu stärken? Gegenpol zu sein zu den Meinungsmachern, zu den Trivialisierern, Banalisierern, Profanisierern, zur Entsinnlichung des Alltags, Gegenpol zum Verlust des Eigenen und zum nahezu restlosen Aufgehen im Konsum? Wobei auch unser anderes Wollen, damit da kein Missverständnis aufkommt, ohne Unterhaltung nicht zu haben ist. 

Peter Rühmkorf, ein großer Unterhalter, in meinen Augen der vielleicht größte deutsche Dichter dieser Jahrzehnte, vor genau einem Jahr und fünf Tagen verstorben, hat den Künstlern und den Kritikern, aber eigentlich allen Menschen ein Gedicht ins Stammbuch geschrieben, das man nie wieder vergisst, wenn man es Peter Rühmkorf vor großem Publikum hat flüstern, schreien, singen und trompeten sehen: Das Gedicht ist berühmt geworden und ich möchte es abschließend lesen, mit dem ganzen Pathos, das darin steckt – bevor dann ein erstes musikalisches Intermezzo folgt und der Präsident des Deutschen PEN, der Schriftsteller, Politologe und Publizist Johano Strasser den Festvortrag über den Kritiker als Intellektuellen halten wird – das Thema der Rede und der Redner selbst stehen übrigens für die verstärkten Bemühungen des neuen Vorstands, den Deutschen Kritikerverband vom Fachverband wegzurücken, hin zu einem breiter aufgestellten, gemeinnützigen Kulturverband, der sich einmischt. Das Buch, aus dem ich das Rühmkorf-Gedicht entnehme, hat den programmatischen Titel "Komm raus!". Das Gedicht ist überschrieben:

"Bleib erschütterbar und widersteh" 

Also heut: zum ersten, zweiten, letzten:
Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh,
gestern an und morgen abgeschaltet:
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
Bleib erschütterbar – doch widersteh! 

Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
- Fortschritt marsch! Mit Gas und Gottvertrauen –
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde.
wartend, dass die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar – und widersteh. 

Schön, wie sich die Sterblichen berühren –
Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren,
daß der Liebe gleich der Mut vergeh…
Wer geduckt steht, will auch andre biegen.
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)
Bleib erschütterbar.
Bleib erschütterbar – doch widersteh. 

Widersteht! im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee…
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit – such sie dir! – Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr,
leicht und jäh - - -
Bleib erschütterbar!
Bleib erschütterbar – und widersteh. 

In diesem Sinn wünsch ich uns eine anregende und nachklingende Veranstaltung, einen Blick ins Offene. 

 

Johano Strasser
Der Kritiker als Intellektueller

Intellektuelle sind Leute, die sich in Dinge einmischen, die sie nichts angehen.
Der Satz stammt von Jean-Paul Sartre, und bei ihm, der zeitlebens den Anspruch erhob, bei allen öffentlichen Angelegenheiten ein gewichtiges Wort mitzureden, war er natürlich ironisch gemeint. Ganz anders bei den Verwaltern der Macht, den Machern in Politik, Wirtschaft und Entertainment; für sie waren die Intellektuellen seit eh und je vor allem Wichtigtuer, die sich anmaßen über Dinge mitzureden, von denen sie keine Ahnung haben. Schon Napoleon sprach in diesem verächtlichen Sinn von idéologues, wenn er die aufklärerischen Schriftsteller und Philosophen seiner Zeit treffen wollte.

Heute ist die Missachtung der Intellektuellen fast allgemein – merkwürdigerweise auch unter den Intellektuellen selbst. Die einen glauben im technokratischen Zeitgeist immer noch, dass wir gut daran täten, die Gestaltung der Welt allein den Experten anzuvertrauen, obwohl die uns gerade die größte Krise seit dem letzten Weltkrieg beschert haben. Die anderen halten es für den Ausweis demokratischer Gesinnung, wenn im Sinne des anything goes der öffentliche Streit um die Frage, was moralisch, politisch oder ästhetisch richtig ist, beendet und die Entscheidung allein dem Markt oder den allfälligen Meinungsumfragen überantwortet wird.

Dabei hatten es die streitsüchtigen und wortmächtigen Intellektuellen einst, besonders in Frankreich, zu hohem öffentlichen Ansehen gebracht. Vielen galten sie – und gelten sie dort immer noch – als unersetzliche Wächter der Demokratie. Intellektuelle – so der kürzlich verstorbene französische Soziologe Pierre Bourdieu – sind Menschen, die „ihre Kompetenz im autonomen Feld der Kultur“ dazu nutzen, um „kritisch zugunsten universeller Werte zu intervenieren“. Das ist das klassische Verständnis der Intellektuellenrolle, wie es sich im nachrevolutionären Frankreich herausbildet: Intellektuelle als das Gewissen der Gesellschaft, als unbestechliche Anwälte der Freiheit, der Gerechtigkeit - und eben auch des kritisch geläuterten guten Geschmacks.
 
Im 18. und im 19. Jahrhundert trugen Kritiker und Rezensenten in Sachen Musik, bildender Kunst, Theater und Literatur zuweilen noch den furchteinflößenden Namen des Kunstrichters, obwohl sie damals genau so wenig wie heute über eine wirksame Sanktionsgewalt verfügten und ihre Urteile keineswegs unwidersprochen blieben, wie die Bezeichnung glauben machen könnte. In der Tradition der Aufklärung galt das Ästhetische ebenso als legitimer Gegenstand öffentlicher Erörterung wie das Theoretische und das Politische. Der Streit um ästhetische Fragen, um die Bewertung von Kunstwerken und Kunstrichtungen war Teil des großen Bildungsprogramms, das sich die bürgerliche Gesellschaft verordnet hatte: es ging um Geschmacksbildung, und entgegen dem Diktum, das jedem Gebildeten aus dem Lateinunterricht vertraut war, ging man ganz selbstverständlich davon aus, dass über Geschmacksfragen gestritten werden könne und öffentlich gestritten werden solle: De gustibus est disputandum.

Die eigentliche Heldenzeit des klassischen Intellektuellen ist das 19. Jahrhundert, genauer die Jahre der Dreyfus-Affäre, als der Dichter Emile Zola mit seinem „J’accuse“ die korrupte französische Staatsmacht in die Schranken wies und allein mit dem Mittel des öffentlichen Wortes einem unschuldig Verfolgten, dem jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, am Ende doch noch Gerechtigkeit verschaffte. Hier bildet sich ein Modell heraus, das über lange Zeit prägend blieb: der Intellektuelle, der privilegierten Zugang zur Öffentlichkeit hat, macht sich zum Sprecher der Sprachlosen und zum Verteidiger der Verfolgten und Gedemütigten.  Die Schriftsteller, die sich beispielsweise im P.E.N.-Club in der Writers-in-Prison-Arbeit engagieren, stehen, auch wenn es ihnen manchmal gar nicht bewusst ist, in dieser Tradition.

Natürlich entsprach, wie in anderen Fällen auch, die Wirklichkeit nie ganz dem Modell. Immer wieder haben sich Intellektuelle durch die Macht faszinieren und sich von ihr einspannen lassen, nicht selten haben sie sich in einem geistigen salto mortale, ihre eigene Intellektualität verratend, dogmatischen und irrationalen Zeitströmungen unterworfen. Zuweilen haben sie sich snobistisch von der Gesellschaft und ihren Problemen abgewandt, sich so sehr in ihre eigenen kleinen Machtkämpfe und Intrigen verstrickt, dass sie darüber ihre demokratische Funktion völlig aus den Augen verloren. Und es gab auch  immer wieder Vertreter dieser Spezies, die, ermüdet vom anstrengenden Geschäft der Unterscheidung, sich kritiklos zeitgeistigen Moden unterwarfen und das Gängige priesen, weil es sich durchzusetzen verstand. Skepsis gegenüber einer allzu undifferenzierten Huldigung der Intellektuellen ist also angebracht.

Ich spreche hier vor den Mitgliedern eines Kritikerverbands, also vor Menschen, die es von Berufswegen gewöhnt sind, über Fragen der Ästhetik mit Argumenten öffentlich zu streiten. In der Regel unterstellen sie dabei, dass ein gut begründetes Votum in der Öffentlichkeit mehr wiegt als eine bloße Bauch-Meinung, auch wenn sie aus Erfahrung wissen, dass dies leider keineswegs immer und bei allen der Fall ist. Für die Kultur der Moderne und ihre Vorstellung von Öffentlichkeit war es aber geradezu konstitutiv, dass der Kopf dem Bauch übergeordnet wurde. Die Trennung der privaten von der öffentlichen Sphäre bedeutete auch, dass vom Bürger erwartet wurde, von den bloß subjektiven Seiten seiner Individualität abzusehen und sich im Medium der Vernunft verständigungsorientiert zu äußern, wenn er sich in die öffentliche Auseinandersetzung einmischte.

Um einem naheliegenden Missverständnis vorzubeugen: Die Verpflichtung auf verständigungsorientierte Diskursformen bedeutete nicht, dass man zum Zwecke der Beurteilung des Kunstwerks daraus allein den kognitiven Kern herauszupräparieren hätte, um ihn in theoretischen Aussagen zur Diskussion zu stellen. Vielmehr ging es allein darum, das Kunstwerk so darzustellen, das Kunsterlebnis so zu vermitteln, dass anderen der Nachvollzug ermöglicht wird. Eine Verpflichtung zu kühler Nonchalance war damit nicht verbunden. Auch ein leidenschaftliches Plädoyer für das eine und die leidenschaftliche Ablehnung eines anderen Werks war keineswegs anstößig, wenn der Kritiker für seine leidenschaftliche Parteinahme Gründe beibrachte. 

Zur Begründung der gesellschaftlichen Rolle von Intellektuellen und Kritikern genügte in der Regel eine einfache Überlegung: Da die Voraussetzungen zur Teilnahme an einem öffentlichen Gespräch über Fragen der Politik und der Ästhetik durchaus nicht bei allen Menschen gleich entwickelt sind, können und sollen Intellektuelle allgemein und Kritiker im besonderen sich als nützlich erweisen, indem sie dazu beitragen, Standards vernünftiger Kommunikation zu etablieren und in diesem Sinne stilbildend zu wirken. Entsprechend sahen Intellektuelle und Kritiker ihre vornehmste Aufgabe darin, jene Kultur des begründeten Urteilens zu schaffen und zu erhalten, die nach den Vorstellungen der Aufklärer für ein Klima der Zivilität und damit auch für die Demokratie grundlegend ist. Lessing verkörpert diesen Typus für Deutschland vielleicht in der reinsten Form. Sein Wirken hat Friedrich Schlegel mit dem Immanuel Kants verglichen: „Alles, was Lessing getan, versucht und gewollt hat, lässt sich am füglichsten unter dem Begriff der Kritik zusammenfassen.“ Schiller hat für das Geschäft des Kritikers dann später den Begriff der „ästhetischen Erziehung“ geprägt und damit die Hoffnung verbunden, dass durch die allmähliche Zivilisierung der Sinnlichkeit der Weg geebnet werde für Freiheit und Humanität. 

Aber spätestens seit Foucault – eigentlich schon seit Adorno/ Horkheimers Dialektik der Aufklärung – ist die Aufklärung in den Verdacht geraten, im Namen der Emanzipation des Individuums den Boden für neue Formen der Versklavung und Unmenschlichkeit bereitet zu haben. Die vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzogene Neubewertung der Aufklärung hat auch die Intellektuellen und mit ihnen die Kritiker ihres Nimbus beraubt. Sie gelten heute vielen als anmaßende Volkserzieher, gegen die sich das Publikum das Recht auf sein eigenes Urteil erst wieder erkämpfen muss.

Das Publikum – und in gewisser Weise auch der Kritiker selbst. Jedenfalls scheinen gelegentlich auch Profis des Kritikergeschäfts den Zwang zur Rechtfertigung ihrer Urteile vor der großen Öffentlichkeit als lästige Fessel zu empfinden. Ist es wirklich nötig, dass der Kritiker von der eigenen Person, den eigenen Gefühlen und Idiosynkrasien (weitgehend) absieht, seiner spontanen Begeisterung oder Empörung Zügel anlegt, stets sorgfältig das Für und Wider abwägt und sich zu kühler Genauigkeit der Betrachtung und zu einer kontrollierten Sprache zwingt? Wäre es nicht viel ehrlicher und auch interessanter, wenn er sich als öffentlicher Kritiker so äußerte, wie die meisten von uns es im privaten Gespräch tun würden? 

Im Videoblog finden wir neuerdings Kritiker, die ihrer Subjektivität ungehemmt freien Raum lassen. In der kleinen Öffentlichkeit des Blogs tritt an die Stelle der sonst geforderten Allgemeinheit das Besondere, Individuelle, zuweilen gar das radikal Subjektive. Hier spricht der Kritiker als Privatmensch, wie unter Freunden oder im Familienkreis: geradheraus, aus dem Bauch, ohne den Filter der verständigungsorientierten Vernunft. Matthias Matussek hat seine im Printmedium Spiegel erworbene Autorität genutzt, um mit seinem Videoblog Kulturtipp auf Spiegel online  seiner Subjektivität die Zügel schießen zu lassen. Ganz ähnlich der Literaturredakteur der FAS Volker Weidermann, der sich im Blog erlaubt, was er sich im Printmedium (vorerst) wohl nicht gestatten würde, nämlich als Beurteilung eines Buches nurmehr vorzubringen, es sei so schlecht, dass er es nur bis Seite dreißig geschafft habe.

„Im Videoblog“, schreibt Ijoma Mangold in der Süddeutschen Zeitung vom 30.11. 2007, „geht es auffallend häufig um Mögen und Nicht-Mögen. Gerne auch in ausdrücklich privater Ausrichtung.“ Im Gegensatz dazu geht es nach Mangolds Meinung im klassischen Zeitungsfeuilleton noch anders zu: „In einem herkömmlichen Medium“, so Mangold, „muss der Journalist immer zumindest den Schein einer verallgemeinerungsfähigen These, die es auf den Gesellschaftszustand insgesamt abgesehen hat, anstreben.“ In der Tat scheint die Schriftlichkeit und die bewusste Hinwendung zur großen Öffentlichkeit immer noch eine disziplinierende Funktion zu haben. Ob das aber immer so bleibt, ist keineswegs sicher, denn auch den Nutzern der herkömmlichen Medien ist oft die – tatsächliche oder vermeintliche – Authentizität des Sprechenden oder Schreibenden wichtiger als die Triftigkeit seines Urteils, was bei manchem Kritiker auch dort die Neigung zur Selbstinszenierung verstärkt.

Der Literaturwissenschaftler Sebastian Domsch, selbst immer wieder auch in der Rolle des Kritikers hervorgetreten, hat vor einiger Zeit der Demokratisierung der Literaturkritik das Wort geredet, indem er die Kundenrezensionen bei Amazon als beispielhaft herausstellte: „Bei Amazon ist die Vorstellung, es sei die Aufgabe des Kritikers, das Publikum zu seinem hehren Kunstideal heraufzubilden, durch den Servicegedanken ersetzt worden. Der Kunde wird nicht gezwungen, sich zu den kritischen und argumentativen Standards des gehobenen Rezensentenwesens hinaufzuschwingen, er kann sich Geschmacksstatthalter wählen, die Urteile ganz in seinem Sinn treffen, ohne dass er selbst mit dem mühevollen Prozess der Urteilsfindung zu schaffen hat. Amazon ersetzt mit der Kundenrezension den Kunstrichter durch Volkes Stimme… Zum wichtigen Kritiker steigt dabei auf, wer den Geschmack möglichst vieler möglichst genau trifft.“

Was hier Demokratisierung der Kritik genannt und, wie es scheint, als solche begrüßt wird, würden die meisten professionellen Kritiker womöglich als Emanzipation des Banausentums bezeichnen. Zwar hat auch die Kritik in der aufklärerischen Tradition insofern eine demokratische Funktion, als sie die ästhetische Emanzipation des Publikums erklärtermaßen fördern will, indem sie paradigmatisch vorführt, wie man vernünftig über ästhetische Fragen urteilen kann. Der Unterschied freilich zu dem, was Domsch unter Demokratisierung der Kritik versteht, besteht darin, dass der klassische Kritiker nicht nur bestehende Präferenzen bestätigt, sondern seinem Publikum die Anstrengung des Begriffs, die Revision seiner Vorurteile, womöglich gar einen radikalen Blickwechsel zumutet. Für den Kritiker in der aufklärerischen Tradition wäre gerade nicht erstrebenswert, was Domsch der demokratischen Kritik  zugute hält:
„Wer sich auf das Verfahren der demokratischen Kritik einlässt, kann daher kaum enttäuscht werden, denn er kauft ja nur, was er ohnehin schon so oder ähnlich im Regal stehen hat.“
 
Dass es hochfahrende Intellektuelle und arrogante Kritiker gibt, die sich dem normalen Kulturverbraucher haushoch überlegen dünken, die in hermetischer Sprache und in der Allüre der Allwissenheit ihre Urteile fällen, ohne sich lange um Begründungen oder gar um eine dem Normalbürger verständliche Sprache zu kümmern, ist nicht zu leugnen. Und – das füge ich als Schriftsteller hinzu – dass Autoren sich nur selten von Kritikern angemessen gewürdigt sehen, ist ebenso allgemein bekannt. Aber ist die Figur des klassischen Intellektuellen und des professionellen Kritikers per se schon undemokratisch? Ist es undemokratisch im öffentlichen Gespräch, in der politischen oder ästhetischen Auseinandersetzung darauf zu bestehen, dass vor allem Argumente zählen? Ist es demokratischer alle, auch die irrationalsten Meinungsäußerungen als gleichberechtigt zu akzeptieren, statt zu verlangen, dass vernünftige Gründe vorgebracht werden? Zeugt es von demokratischer Gesinnung, wenn man dem Publikum nach dem Munde redet?

Wir berühren hier ein Grundproblem der modernen Demokratie. Das Wahlrecht an Bildungsvoraussetzungen zu knüpfen,  wie es den frühen Republikanern vorschwebte, haben die modernen Demokratien zurecht abgelehnt. Bei Wahlen und Abstimmungen darf es, wenn es denn überhaupt demokratisch zugehen soll, keine qualitative Gewichtung der Stimmen geben, weil dies der Manipulation und der Willkür Tür und Tor öffnen würde. Andererseits sind wir alle davon überzeugt, dass viele die an der Willensbildung in der Demokratie teilnehmen, die entscheidenden Sachverhalte, um die es geht, nicht oder nicht wirklich gründlich verstehen. (Wenn wir ehrlich sind, werden wir sogar einräumen, dass auch wir selbst gelegentlich bei  Dingen, über die wir abstimmen, nicht durchblicken.)  Das allgemeine Wahlrecht unterstellt dennoch, dass alle erwachsenen Bürger kompetent an der politischen Willensbildung teilnehmen. Hierin liegt ein – wahrscheinlich unvermeidbarer – utopischer Zug des modernen Demokratiekonzepts.

Nun hat sich dieser utopische Zug aber, wie die Geschichte zeigt, im ganzen nicht zum Nachteil, sondern eher zum Segen für die Menschheit ausgewirkt. Dadurch, dass mehr Mündigkeit unterstellt wurde, als je empirisch hätte nachgewiesen werden können, kam ein Prozess in Gang, der tatsächlich –  nicht immer und überall und mit schrecklichen Rückschlägen, das ist wahr, aber im großen und ganzen – zu mehr Mündigkeit führte. Jedenfalls war dies die Hoffnung der frühen Demokraten: dass die unterstellte Mündigkeit in der Praxis allmählich mehr und mehr Realität werden würde. Gelingen konnte dieses waghalsige Experiment aber nur, wenn es gelang, einen Raum der Öffentlichkeit zu etablieren, in dem der Zwang zur argumentativen Rechtfertigung des eigenen Standpunkts entscheidende Impulse zu Aufklärung und Selbstaufklärung gab.

Es ist offensichtlich, dass Domsch mit dem, was er Demokratisierung der Kritik nennt, auf einen ähnlichen Prozess setzt. Freilich kommt in seinem Amazon-Modell ein entscheidendes Element zu kurz: der Zwang zur Rechtfertigung der eigenen Meinung und Entscheidung in einem Raum der Öffentlichkeit. Allzu leicht kann sich der in die Mündigkeit entlassene Kundenrezensent, den Domsch zum Volkskritiker adelt, kann sich der Amazon-Kunde der  Provokation durch  Auffassungen und Wertungen entziehen, die den eigenen entgegenstehen. Er kann sich, wie Domsch schreibt, „Geschmacksstatthalter“ wählen, die seine bisherigen Geschmacksurteile nur immer wieder bestätigen und ihn ansonsten unbehelligt lassen. Das eigentlich produktive Element der aufgeklärten Öffentlichkeit aber besteht gerade darin, dass sich unterschiedliche Auffassungen argumentativ aneinander abarbeiten und dass öffentliche Wertschätzung letztlich nur dem Urteil zukommt, dass sich im Streit der Meinungen bewähren konnte.

Wo dieser Anspruch nivelliert wird, kann die eigentlich aufklärerische Aufgabe, die Überwindung von Vorurteilen und das, was im Aufklärungszeitalter Geschmacksbildung hieß, nicht gelingen. Vermutlich ist es nur realistisch, anzunehmen, dass die hierfür erforderlichen qualitativen Maßstäbe sich nur durchsetzen können, wenn sie von dafür besonders qualifizierten Personen paradigmatisch vorgeführt werden.  Wie der klassische Intellektuelle sich als paradigmatischer Citoyen verstand, so demonstrierte der professionelle Kritiker den vernünftigen und sachverständigen Umgang mit den Gegenständen der Ästhetik. Der Kritiker in der Konzeption der Aufklärung ist sachverständig, aber zugleich insofern Generalist, als er über sein Fach hinaus den Blick auf  seine Zeit und die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen er lebt, richtet. Sein Urteil beruht auf  Gründen, die er öffentlich darlegt, die keineswegs für alle verbindlich sind, aber von allen vernünftigen Individuen verstanden werden können. Er ist streitbar und zugleich verständigungsorientiert; es geht ihm nicht um seine eigene subjektive Empfindung, sondern um nachvollziehbare Erfahrung. Sein Publikum ist die Gemeinschaft der Gebildeten und der Kunstverständigen. Sein Bestreben aber ist es, diese Gemeinschaft Schritt für Schritt zu erweitern, bis sie im Idealfall alle umfasst.

Der demokratische Adel des klassischen Intellektuellen bestand darin, dass er seinen privilegierten Zugang zur (Medien-) Öffentlichkeit als Verpflichtung interpretierte, für die zu sprechen, denen vergleichbare Möglichkeiten, sich öffentlich Gehör zu verschaffen, nicht offenstanden.  In ähnlicher Weise könnte der Kritiker seine privilegierten Möglichkeiten des Zugangs zur Medienöffentlichkeit und seine intimere Sachkenntnis in den Gebieten der Musik, der Kunst, des Theaters, der Literatur als Verpflichtung betrachten, denen, die sich mit diesen Gegenständen nicht professionell befassen können, die Maßstäbe an die Hand zu geben, die sie brauchen, um ihr eigenes begründetes Urteil zu fällen. Dies wäre eine andere emanzipatorische und demokratische Funktion der Kritik als die des von Domsch beschworenen Geschmacksstatthalters, der den Kulturbürgern nach dem Munde redet.

Der Kritiker hat sich also zu entscheiden, in welche demokratische Tradition er sich stellen will, in die aufklärerisch-republikanische mit ihrer Perspektive der Geschmacksbildung, die unvermeidlich auch immer etwas Volkserzieherisches hat, oder die des marktradikalen laisser faire und  anything goes, bei der Verkaufszahlen und die Einschaltquote immer das letzte Wort haben. Wenn er sich für die erstere Variante entscheidet, sind eitle Selbstbespiegelung und snobistisches Insidergehabe ebenso falsch wie der Kotau vor vermuteten oder tatsächlich bestehenden populären Trends.

Aude sapere, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen – diese Forderung Kants aus seiner berühmten Schrift Was ist Aufklärung? ist heute so aktuell wie zu seiner Zeit. Mut braucht der Kritiker vor allem, um der fortschreitenden Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Kultur entgegenzutreten, die sich als Demokratisierung tarnt. Der Dienst, den er dem Publikum erweist, besteht nicht darin, es in seinen Präferenzen zu bestärken, wie es ein Großteil unserer Medien – vor allem, aber keineswegs nur die privaten Rundfunk- und Fersehsender - tun. Seine Aufgabe ist es, sich der profitgesteuerten Tendenz zur bequemen und störungsfreien Unterhaltung zu widersetzen und daran zu erinnern, dass sich die Welt der Kultur in ihrer Größe und Großartigkeit nur dem erschließt, der sich von aktiver Neugier leiten lässt, der sich aussetzt, der, um ein Wort Peter Rühmkorfs zu zitieren, erschütterbar bleibt und Verstörung nicht fürchtet.
 
Das heißt keineswegs, einer bierernsten Kulturpflicht das Wort zu reden, der das Publikum dann doch nur beflissen oder widerstrebend, aber stets mit saurer Miene, genügen würde.  Musik, Kunst, Literatur, Theater sind Quellen des Genusses. Unterhaltung ist nicht per se etwas Schlechtes. Aber wenn das Publikum nicht mehr herausgefordert wird, wenn es sich selbst nicht mehr herausfordert, unterhält es sich unter seinem eigenen Niveau, ist staubige Kulturroutine oder kulturelle Verflachung das absehbare Ergebnis.

Intellektuelle, auch Kritiker, die sich in dem hier gemeinten Sinn als Intellektuelle verstehen, sind keine modernen Priester, wie der Soziologe Helmut Schelsky in den 70er Jahren in seinem Buch Die Arbeit tun die anderen insinuierte. Sie verwalten nicht ein der Masse verborgenes Numinosum, sie urteilen nicht im göttlichen Auftrag über gut und böse, wahr oder unwahr, Kunst oder Kitsch. Ihre Rolle ist ganz und gar von dieser Welt. Sie sind, wenn es gut geht, Initiatoren oder Katalysatoren einer gesellschaftlichen Selbstverständigung über ästhetische Fragen, in der das Publikum eine aktive und nicht nur passive Rolle spielt. Wenn sie sich uneitel in den Dienst am Publikum stellen, werden sie so verfahren, wie die ersten Propagandisten der Demokratie verfuhren: sie unterstellen Laienkompetenz, obwohl oder gerade weil sie wissen, dass sie zu großen Teilen erst noch entwickelt werden muss.

Jaja, ich weiß, es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln, dass die Art und Weise, wie in unserer Gesellschaft öffentlich mit politischen und ästhetischen Fragen umgegangen wird, wirklich aufklärerisch wirkt. Die Vermachtung der Öffentlichkeit, die Abhängigkeit der Medien von Werbeeinnahmen und ihre allzu offensichtliche Rücksichtnahme auf ökonomische Interessen, der Verfall der Lesekultur und damit der subjektiven Voraussetzungen emanzipierter Zivilität – vieles wäre hier zu nennen, was zur Skepsis Anlass gibt. Aber wir haben kein besseres Konzept zur Verfügung, als immer wieder – auch contra factum – darauf zu setzen, dass der Zwang zur öffentlichen Rechtfertigung letztlich und im Großen und Ganzen sich doch heilsam auswirkt. Statt an der Möglichkeit des aufklärerischen Verfahrens zu verzweifeln, sollten wir lieber darüber nachdenken, wie wir die Bedingungen für sein Funktionieren verbessern könnten – auch wenn uns das womöglich zu radikalen Konsequenzen nötigen würde, von denen wir gebrannten Kinder des 20. Jahrhunderts vielleicht ein wenig vorschnell meinten, dass wir sie im 21. vermeiden könnten.

Rede gehalten bei der Verleihung des Deutschen Kritikerpreises 2009
13. Juni 2009

 

Den Kritikerpreis 2009 für Architektur erhalten
Kuehn Malvezzi

Simona Malvezzi, Johannes Kühn und Wilfried Kühn gründeten ihre Partnerschaft 2001 in Berlin. Seither haben sie vor allem im kulturellen Bereich, insbesondere für die Präsentation von Gegenwartskunst zahlreiche Umbauten, Erweiterungsbauten und Ausstellungsgestaltungen entworfen und teils auch realisiert. Im Umgang mit vorhandener Bausubstanz entwickeln sie Lösungen, die die Widersprüchlichkeit vorgefundener Situationen zu bewahren suchen, die vielseitig deutbar und offen für zukünftige, auch für ungeplante Nutzungen sind und die den unterschiedlichsten Erneuerungs- wie auch Alterungsprozessen standhalten können. Dabei definieren sie das Verhältnis von Alt und Neu, von Unterordnung und Eigenständigkeit für jede Bauaufgabe anders, immer jedoch mit Respekt vor dem Vorgefundenen. Beispiele sind die Umbauten der Binding-Brauerei in Kassel zur documenta 11, der Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs in Berlin für die Flick Collection und des barocken Unteren Schlosses Belvedere in Wien zum Ausstellungshaus. Geplant sind in Berlin die Erweiterung des Museums Berggruen und die Neugestaltung des Ausstellungsbereichs im Kunstgewerbemuseum.

Der besondere Ansatz von Kuehn Malvezzi liegt in ihrem Architekturverständnis, das nicht auf eine in sich stimmige, unverwechselbare Objektästhetik zielt, sondern - ähnlich wie konzeptuelle Kunst - gedankliche Strukturen und Kommunikationsprozesse unterstützt. Architektur begreifen sie als "kuratorische Praxis", die dazu beiträgt, vorhandene Energien zusammenzuführen und die Nutzer zur Aneignung zu motivieren.

Von diesem dialogischen Verständnis ist auch ihr in der Fachwelt hochgelobter Beitrag für die Rekonstruktion des Berliner Schlosses geprägt. Im Wettbewerb hatten sie - trotz hervorragender Entwurfsqualitäten - nur einen Sonderpreis erhalten, weil sie sich über die zwanghaften Bedingungen der Ausschreibung hinweggesetzt hatten. Tatsächlich ist es ihnen gelungen, das vom Bundestag beschlossene, nach wie vor jedoch umstrittene Rekonstruktionsprojekt im baulichen Konzept selbst zur Diskussion zu stellen. Ihr Vorschlag, die historische Schlosskubatur in Backstein zu bauen, gewissermaßen als abstrahierten "fertigen Rohbau", die Fassadenornamente jedoch Schritt für Schritt nur in dem Maße anzubringen, wie dies durch bürgerschaftliche Kraft zu bewerkstelligen ist, würde einen gesellschaftlichen Prozess mit offenem Ende stimulieren, statt nostalgische Sehnsüchte schnell zu befriedigen. Mit der Hervorhebung dieses Entwurfes bezieht die Kritiker-Jury in der Schlossdebatte ausdrücklich Position gegen die rückwärtsgewandte politische Weichenstellung.

Jury:
Ursula Baus, Stefanie Endlich, Thomas Thieringer

Den Kritikerpreis 2009 für Bildende Kunst erhält
Ulrich Wagner

In seinen Arbeiten verbinden sich zwei Grundpositionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zum einen die abstrakt-konkrete Kunst, die ästhetische und gedankliche Möglichkeiten von Form und Farbe auslotet und zu immer neuen Elementen und Strukturen zusammenfügt. Zum anderen die gesellschaftskritische realistische Haltung, die Gesetze und Regeln der rein formalen Systeme hinterfragt und deren Geschichtlichkeit und Herrschaftscharakter offenlegt. Das Spannungsfeld, das aus der Verbindung dieser beiden Ansätze entsteht, prägt Ulrich Wagners Werkzyklen in all ihren Etappen und Facetten.

Eindrucksvoll sind vor allem jene Arbeiten, die sich mit architektonischen Zeichensystemen auseinandersetzen - dreidimensionale begehbare Lichträume, Land Art- und Grabungsprojekte im öffentlichen Raum, handgeschöpfte, in sorgsamen Arbeitsgängen entstandene Papier- und Buchkunstarbeiten. Ulrich Wagners ästhetisch verfremdete Stadtpläne, Lagepläne, Grundrisse verweisen auf die urbanen Planungen und die Architektur-Visionen der verschiedenen Zeitetappen und Gesellschaftssysteme, von der Antike bis zur Gegenwart, von mythischen Labyrinthen über Militärlager und Idealstädte bis hin zu den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern und zu den Megastädten in Gegenwart und Zukunft. Was hat der Plan einer absolutistischen Idealstadt mit dem eines Konzentrationslagers zu tun? Formale Parallelen der städtebaulichen Konfigurationen werden in ihren grundverschiedenen inhaltlichen Positionen bewusst gemacht, entschlüsselt, aber auch hintertrieben.

Ulrich Wagner wurde 1959 in Köln geboren und lebt heute im rheinlandpfälzischen Oberlascheid. Er war Meisterschüler und Assistent des schottischen Bildhauers Eduardo Paolozzi. Die topographischen Strukturen der Orte, mit denen er sich immer wieder beschäftigt hat, macht er als Dokumente der Zeitgeschichte lesbar, nicht auf pädagogisch eindeutige Weise, sondern durch ästhetische Verwandlungen, die ein weites, auch emotional wirksames Assoziationsfeld eröffnen und dem Betrachter vielfältige Interpretationsmöglichkeiten überlassen. Damit verbindet er die Traditionslinie der "reinen" konkreten Kunst mit den Auseinandersetzungen zur NS-Vergangenheit und den aktuellen Debatten um die Möglichkeiten und Grenzen politisch wirksamer Kunst.

Jury:
Stefanie Endlich, Werner Schulze-Reimpell, Walter Vitt

Den Kritikerpreis 2009 für Fernsehen erhält
die Sendung KULTURZEIT auf 3sat

So wie man manche Leute niemals um acht Uhr abends anrufen darf, weil gerade die Nachrichten im Ersten laufen, so gibt es nach nunmehr zehn Jahren eine enorm gewachsene Fangemeinde für die Magazin-Sendung KULTURZEIT. Dieses frühabendliche höchst erfreuliche Angebot auf 3sat ist ein (im übertragenen Sinn) vielfarbiges Fenster für engagierte Kulturberichte. Vielen Zuschauern ist KULTURZEIT inzwischen unentbehrlich.

Das ausschliesslich "weiche" Feuilleton ist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen heute fast überall passé. Die 3sat-Kulturzeit ist aber besonders gesellschaftskritisch engagiert. Einige Beispiele: moderner Sklavenhandel, Franco-Verehrung in Spanien, Gewalt gegen Oppositionelle in Russland, Mafia in Chicago, Bücher zum Vietnamkrieg, Sterbehilfe. Selbstverständlich kommen Theater, Kunst, Architektur, Film, Literatur nicht zu kurz.

Bei der sicherlich nicht einfach zu koordinierenden, aber wie es scheint täglich doch immer wieder gelingenden Zusammenarbeit von Fernsehredaktionen aus der Schweiz (SFTV), Österreich (ORF) und Deutschland (ARD und ZDF) geht es nicht nur um termingerechte Berichterstattung. Vielmehr liegt den wöchentlich wechselnden Moderatoren und Moderatorinnen die Information über aktuelles Geschehen, vor allem auch deren distanzierte und kritische Betrachtung am Herzen. Klug und geduldig wird nach den Hintergründen gefragt. Die etwas schrille Studiodekoration sollte man nicht missverstehen - der Inhalt der Sendungen ist seriös, unaufgeregt, unspektakulär.

Besonders lobenswert ist auch die frühe Sendezeit, wenn man bedenkt, wie spät "Titel Thesen Temperamente" daherkommen; auch der "Stilbruch" im RBB läuft nach 22 Uhr. Von den 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Mainz nennen wir hier stellvertretend die Redaktionsleiter Armin Conrad und Dr. Monika Sandhack.

Jury:
Iris Denneler, Rainer Höynck, Angelika Kettelhack

Den Kritikerpreis 2009 für Film erhält
die Produktion "Auge in Auge"
von Michael Althen und Hans-Helmut Prinzler

Wie kann man eine deutsche Filmgeschichte in allen ihren Facetten so unterhaltsam wie möglich und so ernsthaft wie nötig in zwei Kinostunden packen?

Michael Althen und Hans-Helmut Prinzler haben das Kunststück fertiggebracht, individuelle Sichten und Erinnerungen von Gleichgesinnten: filmbesessenen Regisseuren, einem Drehbuchautor, einem Kameramann und einem Schauspieler mit verallgemeinernden Überlegungen zur Entwicklung des Films so zu verbinden, dass der Zuschauer unmerklich gebeten wird, einem Workshop für Filmanalyse beizuwohnen. Die Haupteigenschaft des Films, Kunst und Rummelplatzvergnügen in einem zu sein, wird in der Rückbesinnung auf meisterliche Stummfilmszenen ebenso belegt wie in Montagen von Filmküssen, Raucherorgien und Telefonaten. Darüber hinaus aber hat sich das Team die Frage gestellt, was der Film für die Gesellschaft bedeutet und die Politik mit dem Film angestellt hat. Sie belegen die These "dass dort, wo sich die Erinnerungen überschneiden, es womöglich ein Wiedererkennen gibt und ein Bewusstsein dafür, dass alles, was wir heute sehen, wenig wert wäre ohne das, was wir gesehen haben."

Jury:
Margit Voss, Ulrich Gregor, Eberhard von Elterlein

Den Ehrenpreis 2009 für Film erhalten
Barbara und Winfried Junge

Der Verband der deutschen Kritiker zeichnet die Dokumentarfilmregisseure Barbara und Winfried Junge mit seinem Ehrenpreis für ihr Lebenswerk aus.

Das Werk der Dokumentaristen Barbara und Winfried Junge wird - neben 35 Dokumentarfilmen verschiedener Länge - vor allem durch ihr Langzeitprojekt "Die Chronik der Kinder von Golzow" verkörpert, das ihnen einen einzigartigen Platz in der Filmgeschichte sichert. Seit 1961 haben die Junges in einer Folge von zunächst kurzen, dann programmfüllenden Dokumentarfilmen die Lebensgeschichte von Kindern aus dem brandenburgischen Dorf Golzow, beginnend mit der ersten Schulklasse bis zum Erwachsenenalter, über fünf Jahrzehnte und mehrere Generationen hinweg erzählt. Die Chronik fand 2008 mit "... dann leben sie noch heute. Die Kinder von Golzow. Das Ende der unendlichen Geschichte" ihren (vorläufigen?) Abschluss.

In den insgesamt 18 bis heute entstandenen Filmen des Golzow-Zyklus entfaltet sich ein detailgenaues und authentisches Bild des Lebens in der DDR bis zur "Wende", dann der Übergangszeit der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland und schließlich des Lebens in einem neuen Bundesland des wiedervereinigten Deutschlands. Damit sind die Junges zu Chronisten ihres eigenen Landes und der deutschen Gesellschaft geworden - in einer fortlaufenden Serie von Einzel- und Gruppenporträts, die sich durch ihre Nähe und enge menschliche Verbundenheit mit den porträtierten Personen auszeichnen. Individuelle und gesellschaftliche Betrachtungsweise fallen in ihren Filmen zusammen oder entwickeln sich wechselseitig.

Die Junges dokumentieren in ihren Filmen nicht nur das Leben ihrer Protagonisten, sondern reflektieren auch über ihre Arbeitsmethode und die Grundlagen ihres eigenen Schaffens, so beispielhaft in "Drehbuch: Die Zeiten. Drei Jahrzehnte mit den Kindern von Golzow und der DEFA - ein Film über einen Film" (1992-93).

Mit ihrem Werk haben Barbara und Winfried Junge Geschichte geschrieben und gleichzeitig neue Methoden und Maßstäbe dokumentarischer Filmarbeit begründet. Der Dokumentarfilm hat sich hier als wichtige Quelle und als Basismaterial für die Geschichtsschreibung erwiesen.

Hervorzuheben sind nicht nur die Arbeitsweise und Zielsetzung der Junges, sondern auch die dokumentarische Qualität ihrer Filme. Hier nimmt die sehr persönliche, vorsichtige, aber insistente Methode der Befragung und das Zwiegespräch mit den Potagonisten als Zugangsschlüssel zu ihrer Welt eine wichtige Rolle ein, aber auch die einfühlsame Kameraarbeit, die Kunst der Montage sowie der sehr knappe, aber doch Akzente setzende und tagebuchartige Kommentar.

Die Golzow-Filme sind Meisterwerke des Dokumentarfilms von glasklarer Präzision, von menschlicher Wärme und von historisch-analytischem Tiefenblick.

Jury:
Margit Voss, Ulrich Gregor, Eberhard von Elterlein

Den Kritikerpreis 2009 für Hörfunk erhält die Produktion
"Haus aus Stimmen"

Die Hörspiel-Kammeroper für einen Countertenor (Daniel Gloger), zwei Sprecher/Sänger (Chris Pichler, Michael Rotschopf), Schlagzeug (David Haller), Streicher (Offenbacher Streichquartett) und kleinen Chor (Ensemble der Hochschule für Darstellende Künste und Musik, Frankfurt am Main) schildert eine unübliche Dreiecksbeziehung zwischen einer Frau, ihrem Mann und - einem Haus. Das junge Paar zieht ein. Er geht zur Arbeit ins Büro. Sie bleibt zu Hause, schreibt an einem Fernsehspiel. Das Haus beobachtet und kommentiert den Alltag des jungen Paares und mischt sich ein in die aufbrechenden Meinungsverschiedenheiten, in die wachsenden Empfindlichkeiten und Enttäuschungen. Die Frau spielt sogar mit Mordgedanken. Am Ende steht die Trennung und - das Haus wieder stumm und leer.

Schon im Libretto von Silke Scheuermann ist der Gegensatz von hoher Sprache und grauer Alltäglichkeit, zwischen träumerischer Phantasie und peniblem Realismus angelegt. Dementsprechend erstreckt sich auch die Spannweite der musikalischen Kompositionen von gängigen musikalischen Genres wie Chanson oder Paso Doble über Einspielungen von Schlagzeug, Vokalensemble und Streichquartett bis hin zu abstrakten elektronischen Tonmustern. Cathy Milliken und Dietmar Wiesner gelingt es, aus dem Zusammenspiel komplexer Elemente, aus parodistischen Anspielungen und ironischen Brechungen eine originelle eingängige Klangsprache zu entwickeln, die auf den Hörer eine suggestive Faszination ausübt.

"Haus aus Stimmen" ist im November 2007 im Rahmen der ARD-Hörspieltage in einer szenischen Fassung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe vorgestellt worden. Die für das Medium Rundfunk dramaturgisch neu eingerichtete Fassung erlebte ihre Erstsendungen dann in der zweiten Junihälfte 2008 auf HR2, DLF und SWR2. In dieser Gemeinschaftsproduktion des Hessischen Rundfunks (Dramaturgie und Redaktion: Manfred Hess) mit dem Südwestrundfunk und dem Deutschlandfunk zeigt sich beispielhaft das Bestreben, über die Grenzen von künstlerischen Sparten und institutionellen Interessen hinweg neue Formen der Hörkunst zu entwickeln und zu erproben.

Jury:
Klaus Klingbeil, Dieter Schnabel, Hans-Jörg Grell

Den Kritikerpreis 2009 für Literatur erhält
Ursula Krechel

für ihren Roman "Shanghai fern von wo", der sich einem bisher vernachlässigten Aspekt des deutschen Exils während der nationalsozialistischen Jahre widmet.

Von einem Tatsachenroman zu sprechen scheint nicht falsch, denn die handelnden Personen bleiben im Besitz ihrer eigenen Biografien. Trotzdem ist das Buch weit weg von dem, was man als Dokumentation bezeichnen könnte, sondern erweist sich als großer literarischer Wurf.

Krechel schafft aus den historischen Fakten eine poetisch vibrierende Textur aus wild schlingernden Lebensgeschichten. Sie entfaltet tragikomisch grundierte und oft ins Nichts führende Überlebensstrategien von Menschen, die radikal ihrer Wurzeln beraubt wurden und sich völlig neu erfinden mussten.

Es gelingt ihr, aus der Lebensgeschichte einiger weniger Hauptfiguren ein komplexes zeitgeschichtliches Panorama zu entwickeln, das weit über den Nukleus der exterritorialen Stadt, in die man auch nach 1938 noch ohne Visum fliehen konnte, hinausgeht. Konsequent erzählt Ursula Krechel daher nicht nur vom Existenzkampf in Shanghai, vom Leben und Sterben im Ghetto, von Widerspenstigkeit und Resignation, sondern auch vom vergeblichen Kampf um Gerechtigkeit im Wirtschaftswunder-Deutschland.

Ihre Sprache bleibt dabei stets von einer kühlen Zärtlichkeit. Gerade dieser Schwebezustand zwischen Distanz und Emphatie unterscheidet ihren Roman von den vielen anderen Versuchen, die Geschichte der Moderne auf poetische Art und Weise zu rekonstruieren.

Jury:
Ariane Thomalla, Gabriele Weingartner, Marlis Gerhardt

Den Kritikerpreis 2009 für Musik erhält
Lothar Zagrosek

Lothar Zagrosek wirkte u.a. als musikalischer Leiter und Generalmusikdirektor der Grand Opéra in Paris, der Oper Leipzig und der Württembergischen Staatsoper Stuttgart, bevor er aus dieser Position 2006 als Chefdirigent zum damaligen Berliner Sinfonie-Orchester wechselte.

In den vergangenen Jahren gelang ihm eine eindrucksvolle Neupositionierung dieses herausragenden und verjüngten Klangkörpers der Stadt Berlin. Durch die Umbenennung in Konzerthausorchester wurde die Verbindung mit der hauseigenen Spielstätte auch symbolisch verbessert. Die prekäre Akustik, mit der man sich zuvor abgefunden hatte, wurde entscheidend verbessert. Besonders hervorzuheben ist aber Zagroseks unkonventionelles Programmdenken, durch welches das Orchester auch z. B. beim Musikfest der Berliner Festspiele viele neue Hörer gewonnen hat. Halbszenische Opernprojekte fanden weite Beachtung.

Zagrosek ist einer der wenigen Dirigenten, die Musik aller Stilarten und Epochen gültig aufführen können. Er ist ein hervorragender Mozart-Dirigent in Oper wie Konzert, ein engagierter Ausgräber vergessener Werke der klassischen Moderne und offen für die Musik von heute. Mit Programmen, die stets das Ganze der Musik im Blick haben, hat er Neugierige angezogen, aber auch den Alltag des Abonnentenkonzertes offener gestaltet und die Zahl der Abonnenten in schwierigen Zeiten erhöhen können. Daneben ist Zagrosek mit solch originellen Projekten wie einem Publikumsorchester oder einem Workshop für Laien-Dirigenten auf seine Zuhörer zugegangen. Unter seinen zahlreichen Aktivitäten zur musikalischen Nachwuchsförderung ist vor allem sein anhaltendes Engagement für die Junge Deutsche Philharmonie zu nennen.

Jury:
Klaus Klingbeil, Thomas Thieringer, Martin Wilkening

Den Kritikerpreis 2009 für Tanz erhält
Heinz Spoerli

Geboren am 8. Juli 1941 in Basel studierte Heinz Spoerli in der Schweiz, in den USA und in England. 13 Jahre lang war er als Tänzer in Basel, Köln, in Kanada und in Genf tätig, bevor er 1973 Ballettmeister und fünf Jahre später Ballettdirektor in Basel wurde. In dieser Funktion war er von 1991 bis 1996 an der Deutschen Oper am Rhein tätig. Seit 1996 ist er Ballettdirektor in Zürich.

1967 präsentierte er noch als Tänzer in Calgary seine ersten choreographischen Arbeiten: "Tanz für zwei" und "Temptation". Den Durchbruch als Choreograph schaffte er 1972 in Genf mit "Le chemin". Obwohl ihm auch eindrucksvolle abstrakte Ballette gelangen, ist seine Domäne das Handlungsballett.

Der als Gastchoreograph in Berlin, Graz, Helsinki, Hongkong, Lissabon, Mailand, Paris, Stockholm, Stuttgart und Wien Erfolgreiche nennt sich selbst "Tanzmacher" mit der Begründung: "Diese Bezeichnung beschreibt meine Leidenschaft, meine Motivation und mein Schaffen schnörkellos."

Die Grundlage der Werke von Heinz Spoerli ist die klassische Danse d'École. Der Tanz ist seiner Meinung nach "ein Instrument, um Musik zu visualisieren, um eine zusätzliche erlebbare Dimension zu schaffen. Eigentlich die Symbiose von Klang und Bewegung". Sein Credo lautet: "Wer sich bewegt, drückt sich aus. Ohne Worte. Wer tanzt, erzählt eine Geschichte." Das spiegelt sich in den über hundert Balletten wider, die Heinz Spoerli in rund 40 Jahren choreographiert hat. Das gilt für seine abendfüllenden Handlungsballette - von denen wenigstens einige genannt seien, die er nicht nur in einer Version vorgelegt hat, wie etwa "Ein Sommernachtstraum", "Romeo und Julia", "Schwanensee", "Don Quixote" und "Der Nussknacker" - ebenso wie für kurze abstrakte Tänze. Immer hat ihn das Gegensätzliche gereizt, wobei für ihn alle Wahrheit in der Perfektion liegt.

Heinz Spoerli ist nicht nur einer unserer kreativsten, sondern auch einer der vielseitigsten Choreographen unserer Zeit, dessen Handschrift unverwechselbar ist. In seinen meisterhaften Arbeiten geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, um Freud und Leid, um Sehnsucht und Schmerz - und auch die Komik kommt nicht zu kurz. Damit beschreibt er mit tänzerisch-choreographischen Mitteln mit hoher Ästhetik den gesamten Kosmos menschlichen Lebens. Seinem Lebenswerk gebührt dieser Preis.

Jury:
Dieter Schnabel, Klaus Klingbeil, Angelika Cromme

Den Kritikerpreis 2009 für Theater erhält
Tobias Wellemeyer

Er hat ein Herz für die Leute auf der Straße, will das Theater als einen für jedermann offenen Ort: zum Heimisch-Fühlen, Ängste-Teilen, Neues-Lernen, zum Auf-den-Putz-Hauen, Heulen, Kichern oder auch mal nur so zum Beieinander- und Glücklichsein. Theater also als Lebensort für alle. So will das der Menschenliebhaber Tobias Wellemeyer, der als cleverer Manager, als subtiler Machtmensch freilich auch ganz pragmatisch denkt. Denn: ein leeres Theater kann kein gutes Theater sein.

Als dünnhäutiger Künstler denkt Wellemeyer freilich zuerst und zuletzt alles von dem unergründlichen Punkt her, an dem eine jede Seele hängt. "Wir sind und bleiben Zerrissene", sagt er. Organisiert mithin kein Allerweltstheater, sondern eins, das so genau wie nötig und so poetisch wie möglich vielerlei Arten Geschichten, die viele betreffen, auf vielerlei Art erzählt. Und immer erzählen sie, bei Wellemeyer-Inszenierungen besonders bildmächtig, komödiantisch, musikalisch, von den Rissen, Sprüngen, Abgründen in uns - und von den Seligkeiten.

So wurde das Theater Magdeburg unter Tobias Wellemeyers Regie zu einem der beliebtesten öffentlichen Orte in der noch immer von Depression schwer gebeutelten Stadt. Das Stadttheater als starkes Antidepressivum. Und Gesamtkunstwerk. Also nicht nur "soziale Plastik", nicht nur feinnervige Seelenerkundung, politischer Aufklärungsbetrieb oder Nachhilfeunterricht, sondern immer auch: prall gefüllte Wundertüte.

Jury:
Reinhard Wengierek, Uwe Kraus, Wilhelm Roth 


Preisverleihung 2009 in Bildern

 

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