Wend Kässens
Begrüßungsrede
Verehrte Preisträger des Deutschen Kritikerverbandes, werte Gäste, die Sie die Preisträger und diese Preisverleihung durch Ihre Anwesenheit beehren und begleiten, liebe Kritikerkolleginnen und –Kollegen, meine Damen und Herren – als neuer Vorsitzender heiße ich Sie bei der Verleihung der Deutschen Kritikerpreise des Jahres 2009 willkommen! Ich freue mich darüber, dass das Interesse an dieser Preisverleihung wieder so groß ist!
Seit 59 Jahren vergibt der Deutsche Kritikerverband die
Deutschen Kritikerpreise – in diesem Jahr erneut mit neun
Auszeichnungen in neun Sparten – ergänzt um einen Ehrenpreis in der
Sparte „Film“. Daß wir diesen Festakt, nach der Preisverleihung in
Cottbus im vergangenen Jahr, erneut im Kammermusiksaal der Berliner
Philharmonie begehen können, wo er schon durch den Raum zu einem
würdigen Ereignis wird, das verdanken wir der Intendantin dieser
Institution im berühmten Scharoun-Bau, Pamela Rosenberg – die, das
vermute ich mal, den Einflüsterungen unseres 2. Vorsitzenden, des
Dramaturgen der Berliner Philharmoniker, Helge Grünewald, erneut
erlegen war. Im Namen des Kritikerverbandes sage ich beiden, Frau
Rosenberg für ihre Großzügigkeit, Helge Grünewald für seine
erfolgreiche Einflussnahme und die enorme Arbeit, die er in diese
Preisverleihung und ihr Gelingen gesteckt hat, ganz herzlichen Dank!
Ein Dank natürlich auch an die Juroren, die uns wieder preiswürdige
Ereignisse, Institutionen und Personen präsentieren. Und ein weiterer
Dank geht an die Geschäftsführerin, Frau Grundmann, ohne deren Arbeit
einige Jurys vielleicht noch heute diskutieren oder nach den richtigen
lobenden Worten suchen würden. Das ist im Prinzip ein gutes Zeichen,
dass da Auseinandersetzung ist, die Argumente hin und her gehen. Wenn
es die Aufgabe der Kritik ist, und ich wüsste keine andere, die Künste
zu vermitteln und Orientierung in und zwischen den Künsten zu geben,
dann muß es auch gelingen, die künstlerisch und innovativ
herausragenden Ereignisse zu finden, sich festzulegen, diese
herauszustellen und zu würdigen. Das ist es, was hier stattfindet. Nur
der Verband der deutschen Kritiker bemüht sich auf Grund seiner
Struktur darum, den Dialog mit allen Künsten zu führen. Das ist auch
das Besondere an diesem Verband, das Pfund, mit dem er vielleicht
deutlicher als bisher wuchern muß.
Meine Damen und Herren, die Preisverleihung der Deutschen Kritikerpreise ist unser Höhepunkt des Jahres! Aber sie darf in der öffentlichen Wahrnehmung nicht die einzige Aktivität des Verbandes sein! Wir müssen und wir werden versuchen, darauf hinarbeiten, einer fundierten Kritik, die aus Erfahrung, Kenntnis, Arbeit und Auseinandersetzung erwächst, wieder mehr Geltung zu verschaffen. Das geht nur mit den Künsten zusammen! Wir brauchen uns gegenseitig! Die Vereinnahmungstendenzen der Kulturindustrie sind umfassend! Wo die Kunst nur noch Ware ist, ist der Kritiker nur noch als Verkäufer gefragt. Wollen wir das sein? Wollen wir mit den Showstars der Kunst- und Kulturindustrie erfolgreich das Blendwerk der nackten Unterhaltung betreiben – oder wollen wir die ernst zu nehmenden Künste kritisch begleiten und unterstützen in ihrem Bemühen, uns mit dem ganz Anderen zu konfrontieren, uns das Sehen, Hören und Sprechen, das Denken neu zu lehren, die Sinne zu schärfen, die Differenzierung zu verlangen, den Charakter zu stärken? Gegenpol zu sein zu den Meinungsmachern, zu den Trivialisierern, Banalisierern, Profanisierern, zur Entsinnlichung des Alltags, Gegenpol zum Verlust des Eigenen und zum nahezu restlosen Aufgehen im Konsum? Wobei auch unser anderes Wollen, damit da kein Missverständnis aufkommt, ohne Unterhaltung nicht zu haben ist.
Peter Rühmkorf, ein großer Unterhalter, in meinen Augen der vielleicht größte deutsche Dichter dieser Jahrzehnte, vor genau einem Jahr und fünf Tagen verstorben, hat den Künstlern und den Kritikern, aber eigentlich allen Menschen ein Gedicht ins Stammbuch geschrieben, das man nie wieder vergisst, wenn man es Peter Rühmkorf vor großem Publikum hat flüstern, schreien, singen und trompeten sehen: Das Gedicht ist berühmt geworden und ich möchte es abschließend lesen, mit dem ganzen Pathos, das darin steckt – bevor dann ein erstes musikalisches Intermezzo folgt und der Präsident des Deutschen PEN, der Schriftsteller, Politologe und Publizist Johano Strasser den Festvortrag über den Kritiker als Intellektuellen halten wird – das Thema der Rede und der Redner selbst stehen übrigens für die verstärkten Bemühungen des neuen Vorstands, den Deutschen Kritikerverband vom Fachverband wegzurücken, hin zu einem breiter aufgestellten, gemeinnützigen Kulturverband, der sich einmischt. Das Buch, aus dem ich das Rühmkorf-Gedicht entnehme, hat den programmatischen Titel "Komm raus!". Das Gedicht ist überschrieben:
Also heut: zum ersten, zweiten, letzten:
Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh,
gestern an und morgen abgeschaltet:
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
Bleib erschütterbar – doch widersteh!
Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
- Fortschritt marsch! Mit Gas und Gottvertrauen –
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde.
wartend, dass die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar – und widersteh.
Schön, wie sich die Sterblichen berühren
–
Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren,
daß der Liebe gleich der Mut vergeh…
Wer geduckt steht, will auch andre biegen.
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)
Bleib erschütterbar.
Bleib erschütterbar – doch widersteh.
Widersteht! im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee…
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit – such sie dir! – Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr,
leicht und jäh - - -
Bleib erschütterbar!
Bleib erschütterbar – und widersteh.
In diesem Sinn wünsch ich uns eine anregende und nachklingende Veranstaltung, einen Blick ins Offene.
Johano Strasser
Der Kritiker als Intellektueller
Intellektuelle sind Leute, die sich in Dinge einmischen, die sie nichts
angehen.
Der Satz stammt von Jean-Paul Sartre, und bei ihm, der zeitlebens den
Anspruch erhob, bei allen öffentlichen Angelegenheiten ein gewichtiges
Wort mitzureden, war er natürlich ironisch gemeint. Ganz anders bei den
Verwaltern der Macht, den Machern in Politik, Wirtschaft und
Entertainment; für sie waren die Intellektuellen seit eh und je vor
allem Wichtigtuer, die sich anmaßen über Dinge mitzureden, von denen
sie keine Ahnung haben. Schon Napoleon sprach in diesem verächtlichen
Sinn von idéologues, wenn er die aufklärerischen Schriftsteller und
Philosophen seiner Zeit treffen wollte.
Heute ist die Missachtung der Intellektuellen fast allgemein –
merkwürdigerweise auch unter den Intellektuellen selbst. Die einen
glauben im technokratischen Zeitgeist immer noch, dass wir gut daran
täten, die Gestaltung der Welt allein den Experten anzuvertrauen,
obwohl die uns gerade die größte Krise seit dem letzten Weltkrieg
beschert haben. Die anderen halten es für den Ausweis demokratischer
Gesinnung, wenn im Sinne des anything goes der öffentliche Streit um
die Frage, was moralisch, politisch oder ästhetisch richtig ist,
beendet und die Entscheidung allein dem Markt oder den allfälligen
Meinungsumfragen überantwortet wird.
Dabei hatten es die streitsüchtigen und wortmächtigen Intellektuellen
einst, besonders in Frankreich, zu hohem öffentlichen Ansehen gebracht.
Vielen galten sie – und gelten sie dort immer noch – als unersetzliche
Wächter der Demokratie. Intellektuelle – so der kürzlich verstorbene
französische Soziologe Pierre Bourdieu – sind Menschen, die „ihre
Kompetenz im autonomen Feld der Kultur“ dazu nutzen, um „kritisch
zugunsten universeller Werte zu intervenieren“. Das ist das klassische
Verständnis der Intellektuellenrolle, wie es sich im nachrevolutionären
Frankreich herausbildet: Intellektuelle als das Gewissen der
Gesellschaft, als unbestechliche Anwälte der Freiheit, der
Gerechtigkeit - und eben auch des kritisch geläuterten guten Geschmacks.
Im 18. und im 19. Jahrhundert trugen Kritiker und Rezensenten in Sachen
Musik, bildender Kunst, Theater und Literatur zuweilen noch den
furchteinflößenden Namen des Kunstrichters, obwohl sie damals genau so
wenig wie heute über eine wirksame Sanktionsgewalt verfügten und ihre
Urteile keineswegs unwidersprochen blieben, wie die Bezeichnung glauben
machen könnte. In der Tradition der Aufklärung galt das Ästhetische
ebenso als legitimer Gegenstand öffentlicher Erörterung wie das
Theoretische und das Politische. Der Streit um ästhetische Fragen, um
die Bewertung von Kunstwerken und Kunstrichtungen war Teil des großen
Bildungsprogramms, das sich die bürgerliche Gesellschaft verordnet
hatte: es ging um Geschmacksbildung, und entgegen dem Diktum, das jedem
Gebildeten aus dem Lateinunterricht vertraut war, ging man ganz
selbstverständlich davon aus, dass über Geschmacksfragen gestritten
werden könne und öffentlich gestritten werden solle: De gustibus est
disputandum.
Die eigentliche Heldenzeit des klassischen Intellektuellen ist das 19.
Jahrhundert, genauer die Jahre der Dreyfus-Affäre, als der Dichter
Emile Zola mit seinem „J’accuse“ die korrupte französische Staatsmacht
in die Schranken wies und allein mit dem Mittel des öffentlichen Wortes
einem unschuldig Verfolgten, dem jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus, am
Ende doch noch Gerechtigkeit verschaffte. Hier bildet sich ein Modell
heraus, das über lange Zeit prägend blieb: der Intellektuelle, der
privilegierten Zugang zur Öffentlichkeit hat, macht sich zum Sprecher
der Sprachlosen und zum Verteidiger der Verfolgten und
Gedemütigten. Die Schriftsteller, die sich beispielsweise im
P.E.N.-Club in der Writers-in-Prison-Arbeit engagieren, stehen, auch
wenn es ihnen manchmal gar nicht bewusst ist, in dieser Tradition.
Natürlich entsprach, wie in anderen Fällen auch, die Wirklichkeit nie
ganz dem Modell. Immer wieder haben sich Intellektuelle durch die Macht
faszinieren und sich von ihr einspannen lassen, nicht selten haben sie
sich in einem geistigen salto mortale, ihre eigene Intellektualität
verratend, dogmatischen und irrationalen Zeitströmungen unterworfen.
Zuweilen haben sie sich snobistisch von der Gesellschaft und ihren
Problemen abgewandt, sich so sehr in ihre eigenen kleinen Machtkämpfe
und Intrigen verstrickt, dass sie darüber ihre demokratische Funktion
völlig aus den Augen verloren. Und es gab auch immer wieder
Vertreter dieser Spezies, die, ermüdet vom anstrengenden Geschäft der
Unterscheidung, sich kritiklos zeitgeistigen Moden unterwarfen und das
Gängige priesen, weil es sich durchzusetzen verstand. Skepsis gegenüber
einer allzu undifferenzierten Huldigung der Intellektuellen ist also
angebracht.
Ich spreche hier vor den Mitgliedern eines Kritikerverbands, also vor
Menschen, die es von Berufswegen gewöhnt sind, über Fragen der Ästhetik
mit Argumenten öffentlich zu streiten. In der Regel unterstellen sie
dabei, dass ein gut begründetes Votum in der Öffentlichkeit mehr wiegt
als eine bloße Bauch-Meinung, auch wenn sie aus Erfahrung wissen, dass
dies leider keineswegs immer und bei allen der Fall ist. Für die Kultur
der Moderne und ihre Vorstellung von Öffentlichkeit war es aber
geradezu konstitutiv, dass der Kopf dem Bauch übergeordnet wurde. Die
Trennung der privaten von der öffentlichen Sphäre bedeutete auch, dass
vom Bürger erwartet wurde, von den bloß subjektiven Seiten seiner
Individualität abzusehen und sich im Medium der Vernunft
verständigungsorientiert zu äußern, wenn er sich in die öffentliche
Auseinandersetzung einmischte.
Um einem naheliegenden Missverständnis vorzubeugen: Die Verpflichtung
auf verständigungsorientierte Diskursformen bedeutete nicht, dass man
zum Zwecke der Beurteilung des Kunstwerks daraus allein den kognitiven
Kern herauszupräparieren hätte, um ihn in theoretischen Aussagen zur
Diskussion zu stellen. Vielmehr ging es allein darum, das Kunstwerk so
darzustellen, das Kunsterlebnis so zu vermitteln, dass anderen der
Nachvollzug ermöglicht wird. Eine Verpflichtung zu kühler Nonchalance
war damit nicht verbunden. Auch ein leidenschaftliches Plädoyer für das
eine und die leidenschaftliche Ablehnung eines anderen Werks war
keineswegs anstößig, wenn der Kritiker für seine leidenschaftliche
Parteinahme Gründe beibrachte.
Zur Begründung der gesellschaftlichen Rolle von Intellektuellen und
Kritikern genügte in der Regel eine einfache Überlegung: Da die
Voraussetzungen zur Teilnahme an einem öffentlichen Gespräch über
Fragen der Politik und der Ästhetik durchaus nicht bei allen Menschen
gleich entwickelt sind, können und sollen Intellektuelle allgemein und
Kritiker im besonderen sich als nützlich erweisen, indem sie dazu
beitragen, Standards vernünftiger Kommunikation zu etablieren und in
diesem Sinne stilbildend zu wirken. Entsprechend sahen Intellektuelle
und Kritiker ihre vornehmste Aufgabe darin, jene Kultur des begründeten
Urteilens zu schaffen und zu erhalten, die nach den Vorstellungen der
Aufklärer für ein Klima der Zivilität und damit auch für die Demokratie
grundlegend ist. Lessing verkörpert diesen Typus für Deutschland
vielleicht in der reinsten Form. Sein Wirken hat Friedrich Schlegel mit
dem Immanuel Kants verglichen: „Alles, was Lessing getan, versucht und
gewollt hat, lässt sich am füglichsten unter dem Begriff der Kritik
zusammenfassen.“ Schiller hat für das Geschäft des Kritikers dann
später den Begriff der „ästhetischen Erziehung“ geprägt und damit die
Hoffnung verbunden, dass durch die allmähliche Zivilisierung der
Sinnlichkeit der Weg geebnet werde für Freiheit und
Humanität.
Aber spätestens seit Foucault – eigentlich schon seit Adorno/
Horkheimers Dialektik der Aufklärung – ist die Aufklärung in den
Verdacht geraten, im Namen der Emanzipation des Individuums den Boden
für neue Formen der Versklavung und Unmenschlichkeit bereitet zu haben.
Die vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzogene
Neubewertung der Aufklärung hat auch die Intellektuellen und mit ihnen
die Kritiker ihres Nimbus beraubt. Sie gelten heute vielen als
anmaßende Volkserzieher, gegen die sich das Publikum das Recht auf sein
eigenes Urteil erst wieder erkämpfen muss.
Das Publikum – und in gewisser Weise auch der Kritiker selbst.
Jedenfalls scheinen gelegentlich auch Profis des Kritikergeschäfts den
Zwang zur Rechtfertigung ihrer Urteile vor der großen Öffentlichkeit
als lästige Fessel zu empfinden. Ist es wirklich nötig, dass der
Kritiker von der eigenen Person, den eigenen Gefühlen und
Idiosynkrasien (weitgehend) absieht, seiner spontanen Begeisterung oder
Empörung Zügel anlegt, stets sorgfältig das Für und Wider abwägt und
sich zu kühler Genauigkeit der Betrachtung und zu einer kontrollierten
Sprache zwingt? Wäre es nicht viel ehrlicher und auch interessanter,
wenn er sich als öffentlicher Kritiker so äußerte, wie die meisten von
uns es im privaten Gespräch tun würden?
Im Videoblog finden wir neuerdings Kritiker, die ihrer Subjektivität
ungehemmt freien Raum lassen. In der kleinen Öffentlichkeit des Blogs
tritt an die Stelle der sonst geforderten Allgemeinheit das Besondere,
Individuelle, zuweilen gar das radikal Subjektive. Hier spricht der
Kritiker als Privatmensch, wie unter Freunden oder im Familienkreis:
geradheraus, aus dem Bauch, ohne den Filter der
verständigungsorientierten Vernunft. Matthias Matussek hat seine im
Printmedium Spiegel erworbene Autorität genutzt, um mit seinem
Videoblog Kulturtipp auf Spiegel online seiner Subjektivität
die Zügel schießen zu lassen. Ganz ähnlich der Literaturredakteur der
FAS Volker Weidermann, der sich im Blog erlaubt, was er sich im
Printmedium (vorerst) wohl nicht gestatten würde, nämlich als
Beurteilung eines Buches nurmehr vorzubringen, es sei so schlecht, dass
er es nur bis Seite dreißig geschafft habe.
„Im Videoblog“, schreibt Ijoma Mangold in der Süddeutschen Zeitung vom
30.11. 2007, „geht es auffallend häufig um Mögen und Nicht-Mögen. Gerne
auch in ausdrücklich privater Ausrichtung.“ Im Gegensatz dazu geht es
nach Mangolds Meinung im klassischen Zeitungsfeuilleton noch anders zu:
„In einem herkömmlichen Medium“, so Mangold, „muss der Journalist immer
zumindest den Schein einer verallgemeinerungsfähigen These, die es auf
den Gesellschaftszustand insgesamt abgesehen hat, anstreben.“ In der
Tat scheint die Schriftlichkeit und die bewusste Hinwendung zur großen
Öffentlichkeit immer noch eine disziplinierende Funktion zu haben. Ob
das aber immer so bleibt, ist keineswegs sicher, denn auch den Nutzern
der herkömmlichen Medien ist oft die – tatsächliche oder vermeintliche
– Authentizität des Sprechenden oder Schreibenden wichtiger als die
Triftigkeit seines Urteils, was bei manchem Kritiker auch dort die
Neigung zur Selbstinszenierung verstärkt.
Der Literaturwissenschaftler Sebastian Domsch, selbst immer wieder auch
in der Rolle des Kritikers hervorgetreten, hat vor einiger Zeit der
Demokratisierung der Literaturkritik das Wort geredet, indem er die
Kundenrezensionen bei Amazon als beispielhaft herausstellte: „Bei
Amazon ist die Vorstellung, es sei die Aufgabe des Kritikers, das
Publikum zu seinem hehren Kunstideal heraufzubilden, durch den
Servicegedanken ersetzt worden. Der Kunde wird nicht gezwungen, sich zu
den kritischen und argumentativen Standards des gehobenen
Rezensentenwesens hinaufzuschwingen, er kann sich Geschmacksstatthalter
wählen, die Urteile ganz in seinem Sinn treffen, ohne dass er selbst
mit dem mühevollen Prozess der Urteilsfindung zu schaffen hat. Amazon
ersetzt mit der Kundenrezension den Kunstrichter durch Volkes Stimme…
Zum wichtigen Kritiker steigt dabei auf, wer den Geschmack möglichst
vieler möglichst genau trifft.“
Was hier Demokratisierung der Kritik genannt und, wie es scheint, als
solche begrüßt wird, würden die meisten professionellen Kritiker
womöglich als Emanzipation des Banausentums bezeichnen. Zwar hat auch
die Kritik in der aufklärerischen Tradition insofern eine demokratische
Funktion, als sie die ästhetische Emanzipation des Publikums
erklärtermaßen fördern will, indem sie paradigmatisch vorführt, wie man
vernünftig über ästhetische Fragen urteilen kann. Der Unterschied
freilich zu dem, was Domsch unter Demokratisierung der Kritik versteht,
besteht darin, dass der klassische Kritiker nicht nur bestehende
Präferenzen bestätigt, sondern seinem Publikum die Anstrengung des
Begriffs, die Revision seiner Vorurteile, womöglich gar einen radikalen
Blickwechsel zumutet. Für den Kritiker in der aufklärerischen Tradition
wäre gerade nicht erstrebenswert, was Domsch der demokratischen Kritik
zugute hält:
„Wer sich auf das Verfahren der demokratischen Kritik einlässt, kann
daher kaum enttäuscht werden, denn er kauft ja nur, was er ohnehin
schon so oder ähnlich im Regal stehen hat.“
Dass es hochfahrende Intellektuelle und arrogante Kritiker gibt, die
sich dem normalen Kulturverbraucher haushoch überlegen dünken, die in
hermetischer Sprache und in der Allüre der Allwissenheit ihre Urteile
fällen, ohne sich lange um Begründungen oder gar um eine dem
Normalbürger verständliche Sprache zu kümmern, ist nicht zu leugnen.
Und – das füge ich als Schriftsteller hinzu – dass Autoren sich nur
selten von Kritikern angemessen gewürdigt sehen, ist ebenso allgemein
bekannt. Aber ist die Figur des klassischen Intellektuellen und des
professionellen Kritikers per se schon undemokratisch? Ist es
undemokratisch im öffentlichen Gespräch, in der politischen oder
ästhetischen Auseinandersetzung darauf zu bestehen, dass vor allem
Argumente zählen? Ist es demokratischer alle, auch die irrationalsten
Meinungsäußerungen als gleichberechtigt zu akzeptieren, statt zu
verlangen, dass vernünftige Gründe vorgebracht werden? Zeugt es von
demokratischer Gesinnung, wenn man dem Publikum nach dem Munde redet?
Wir berühren hier ein Grundproblem der modernen Demokratie. Das
Wahlrecht an Bildungsvoraussetzungen zu knüpfen, wie es den
frühen Republikanern vorschwebte, haben die modernen Demokratien
zurecht abgelehnt. Bei Wahlen und Abstimmungen darf es, wenn es denn
überhaupt demokratisch zugehen soll, keine qualitative Gewichtung der
Stimmen geben, weil dies der Manipulation und der Willkür Tür und Tor
öffnen würde. Andererseits sind wir alle davon überzeugt, dass viele
die an der Willensbildung in der Demokratie teilnehmen, die
entscheidenden Sachverhalte, um die es geht, nicht oder nicht wirklich
gründlich verstehen. (Wenn wir ehrlich sind, werden wir sogar
einräumen, dass auch wir selbst gelegentlich bei Dingen, über
die wir abstimmen, nicht durchblicken.) Das allgemeine
Wahlrecht unterstellt dennoch, dass alle erwachsenen Bürger kompetent
an der politischen Willensbildung teilnehmen. Hierin liegt ein –
wahrscheinlich unvermeidbarer – utopischer Zug des modernen
Demokratiekonzepts.
Nun hat sich dieser utopische Zug aber, wie die Geschichte zeigt, im
ganzen nicht zum Nachteil, sondern eher zum Segen für die Menschheit
ausgewirkt. Dadurch, dass mehr Mündigkeit unterstellt wurde, als je
empirisch hätte nachgewiesen werden können, kam ein Prozess in Gang,
der tatsächlich – nicht immer und überall und mit
schrecklichen Rückschlägen, das ist wahr, aber im großen und ganzen –
zu mehr Mündigkeit führte. Jedenfalls war dies die Hoffnung der frühen
Demokraten: dass die unterstellte Mündigkeit in der Praxis allmählich
mehr und mehr Realität werden würde. Gelingen konnte dieses waghalsige
Experiment aber nur, wenn es gelang, einen Raum der Öffentlichkeit zu
etablieren, in dem der Zwang zur argumentativen Rechtfertigung des
eigenen Standpunkts entscheidende Impulse zu Aufklärung und
Selbstaufklärung gab.
Es ist offensichtlich, dass Domsch mit dem, was er Demokratisierung der
Kritik nennt, auf einen ähnlichen Prozess setzt. Freilich kommt in
seinem Amazon-Modell ein entscheidendes Element zu kurz: der Zwang zur
Rechtfertigung der eigenen Meinung und Entscheidung in einem Raum der
Öffentlichkeit. Allzu leicht kann sich der in die Mündigkeit entlassene
Kundenrezensent, den Domsch zum Volkskritiker adelt, kann sich der
Amazon-Kunde der Provokation durch Auffassungen und
Wertungen entziehen, die den eigenen entgegenstehen. Er kann sich, wie
Domsch schreibt, „Geschmacksstatthalter“ wählen, die seine bisherigen
Geschmacksurteile nur immer wieder bestätigen und ihn ansonsten
unbehelligt lassen. Das eigentlich produktive Element der aufgeklärten
Öffentlichkeit aber besteht gerade darin, dass sich unterschiedliche
Auffassungen argumentativ aneinander abarbeiten und dass öffentliche
Wertschätzung letztlich nur dem Urteil zukommt, dass sich im Streit der
Meinungen bewähren konnte.
Wo dieser Anspruch nivelliert wird, kann die eigentlich aufklärerische
Aufgabe, die Überwindung von Vorurteilen und das, was im
Aufklärungszeitalter Geschmacksbildung hieß, nicht gelingen. Vermutlich
ist es nur realistisch, anzunehmen, dass die hierfür erforderlichen
qualitativen Maßstäbe sich nur durchsetzen können, wenn sie von dafür
besonders qualifizierten Personen paradigmatisch vorgeführt
werden. Wie der klassische Intellektuelle sich als
paradigmatischer Citoyen verstand, so demonstrierte der professionelle
Kritiker den vernünftigen und sachverständigen Umgang mit den
Gegenständen der Ästhetik. Der Kritiker in der Konzeption der
Aufklärung ist sachverständig, aber zugleich insofern Generalist, als
er über sein Fach hinaus den Blick auf seine Zeit und die
gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen er lebt, richtet. Sein
Urteil beruht auf Gründen, die er öffentlich darlegt, die
keineswegs für alle verbindlich sind, aber von allen vernünftigen
Individuen verstanden werden können. Er ist streitbar und zugleich
verständigungsorientiert; es geht ihm nicht um seine eigene subjektive
Empfindung, sondern um nachvollziehbare Erfahrung. Sein Publikum ist
die Gemeinschaft der Gebildeten und der Kunstverständigen. Sein
Bestreben aber ist es, diese Gemeinschaft Schritt für Schritt zu
erweitern, bis sie im Idealfall alle umfasst.
Der demokratische Adel des klassischen Intellektuellen bestand darin,
dass er seinen privilegierten Zugang zur (Medien-) Öffentlichkeit als
Verpflichtung interpretierte, für die zu sprechen, denen vergleichbare
Möglichkeiten, sich öffentlich Gehör zu verschaffen, nicht
offenstanden. In ähnlicher Weise könnte der Kritiker seine
privilegierten Möglichkeiten des Zugangs zur Medienöffentlichkeit und
seine intimere Sachkenntnis in den Gebieten der Musik, der Kunst, des
Theaters, der Literatur als Verpflichtung betrachten, denen, die sich
mit diesen Gegenständen nicht professionell befassen können, die
Maßstäbe an die Hand zu geben, die sie brauchen, um ihr eigenes
begründetes Urteil zu fällen. Dies wäre eine andere emanzipatorische
und demokratische Funktion der Kritik als die des von Domsch
beschworenen Geschmacksstatthalters, der den Kulturbürgern nach dem
Munde redet.
Der Kritiker hat sich also zu entscheiden, in welche demokratische
Tradition er sich stellen will, in die aufklärerisch-republikanische
mit ihrer Perspektive der Geschmacksbildung, die unvermeidlich auch
immer etwas Volkserzieherisches hat, oder die des marktradikalen
laisser faire und anything goes, bei der Verkaufszahlen und
die Einschaltquote immer das letzte Wort haben. Wenn er sich für die
erstere Variante entscheidet, sind eitle Selbstbespiegelung und
snobistisches Insidergehabe ebenso falsch wie der Kotau vor vermuteten
oder tatsächlich bestehenden populären Trends.
Aude sapere, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen –
diese Forderung Kants aus seiner berühmten Schrift Was ist Aufklärung?
ist heute so aktuell wie zu seiner Zeit. Mut braucht der Kritiker vor
allem, um der fortschreitenden Ökonomisierung und Kommerzialisierung
der Kultur entgegenzutreten, die sich als Demokratisierung tarnt. Der
Dienst, den er dem Publikum erweist, besteht nicht darin, es in seinen
Präferenzen zu bestärken, wie es ein Großteil unserer Medien – vor
allem, aber keineswegs nur die privaten Rundfunk- und Fersehsender -
tun. Seine Aufgabe ist es, sich der profitgesteuerten Tendenz zur
bequemen und störungsfreien Unterhaltung zu widersetzen und daran zu
erinnern, dass sich die Welt der Kultur in ihrer Größe und
Großartigkeit nur dem erschließt, der sich von aktiver Neugier leiten
lässt, der sich aussetzt, der, um ein Wort Peter Rühmkorfs zu zitieren,
erschütterbar bleibt und Verstörung nicht fürchtet.
Das heißt keineswegs, einer bierernsten Kulturpflicht das Wort zu
reden, der das Publikum dann doch nur beflissen oder widerstrebend,
aber stets mit saurer Miene, genügen würde. Musik, Kunst,
Literatur, Theater sind Quellen des Genusses. Unterhaltung ist nicht
per se etwas Schlechtes. Aber wenn das Publikum nicht mehr
herausgefordert wird, wenn es sich selbst nicht mehr herausfordert,
unterhält es sich unter seinem eigenen Niveau, ist staubige
Kulturroutine oder kulturelle Verflachung das absehbare Ergebnis.
Intellektuelle, auch Kritiker, die sich in dem hier gemeinten Sinn als
Intellektuelle verstehen, sind keine modernen Priester, wie der
Soziologe Helmut Schelsky in den 70er Jahren in seinem Buch Die Arbeit
tun die anderen insinuierte. Sie verwalten nicht ein der Masse
verborgenes Numinosum, sie urteilen nicht im göttlichen Auftrag über
gut und böse, wahr oder unwahr, Kunst oder Kitsch. Ihre Rolle ist ganz
und gar von dieser Welt. Sie sind, wenn es gut geht, Initiatoren oder
Katalysatoren einer gesellschaftlichen Selbstverständigung über
ästhetische Fragen, in der das Publikum eine aktive und nicht nur
passive Rolle spielt. Wenn sie sich uneitel in den Dienst am Publikum
stellen, werden sie so verfahren, wie die ersten Propagandisten der
Demokratie verfuhren: sie unterstellen Laienkompetenz, obwohl oder
gerade weil sie wissen, dass sie zu großen Teilen erst noch entwickelt
werden muss.
Jaja, ich weiß, es gibt gute Gründe, daran zu zweifeln, dass die Art
und Weise, wie in unserer Gesellschaft öffentlich mit politischen und
ästhetischen Fragen umgegangen wird, wirklich aufklärerisch wirkt. Die
Vermachtung der Öffentlichkeit, die Abhängigkeit der Medien von
Werbeeinnahmen und ihre allzu offensichtliche Rücksichtnahme auf
ökonomische Interessen, der Verfall der Lesekultur und damit der
subjektiven Voraussetzungen emanzipierter Zivilität – vieles wäre hier
zu nennen, was zur Skepsis Anlass gibt. Aber wir haben kein besseres
Konzept zur Verfügung, als immer wieder – auch contra factum – darauf
zu setzen, dass der Zwang zur öffentlichen Rechtfertigung letztlich und
im Großen und Ganzen sich doch heilsam auswirkt. Statt an der
Möglichkeit des aufklärerischen Verfahrens zu verzweifeln, sollten wir
lieber darüber nachdenken, wie wir die Bedingungen für sein
Funktionieren verbessern könnten – auch wenn uns das womöglich zu
radikalen Konsequenzen nötigen würde, von denen wir gebrannten Kinder
des 20. Jahrhunderts vielleicht ein wenig vorschnell meinten, dass wir
sie im 21. vermeiden könnten.
Rede gehalten bei der Verleihung des
Deutschen Kritikerpreises 2009
13. Juni 2009
Den Kritikerpreis 2009 für Architektur erhalten
Kuehn Malvezzi
Simona Malvezzi, Johannes Kühn und Wilfried Kühn gründeten ihre Partnerschaft 2001 in Berlin. Seither haben sie vor allem im kulturellen Bereich, insbesondere für die Präsentation von Gegenwartskunst zahlreiche Umbauten, Erweiterungsbauten und Ausstellungsgestaltungen entworfen und teils auch realisiert. Im Umgang mit vorhandener Bausubstanz entwickeln sie Lösungen, die die Widersprüchlichkeit vorgefundener Situationen zu bewahren suchen, die vielseitig deutbar und offen für zukünftige, auch für ungeplante Nutzungen sind und die den unterschiedlichsten Erneuerungs- wie auch Alterungsprozessen standhalten können. Dabei definieren sie das Verhältnis von Alt und Neu, von Unterordnung und Eigenständigkeit für jede Bauaufgabe anders, immer jedoch mit Respekt vor dem Vorgefundenen. Beispiele sind die Umbauten der Binding-Brauerei in Kassel zur documenta 11, der Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs in Berlin für die Flick Collection und des barocken Unteren Schlosses Belvedere in Wien zum Ausstellungshaus. Geplant sind in Berlin die Erweiterung des Museums Berggruen und die Neugestaltung des Ausstellungsbereichs im Kunstgewerbemuseum.
Der besondere Ansatz von Kuehn Malvezzi liegt in ihrem Architekturverständnis, das nicht auf eine in sich stimmige, unverwechselbare Objektästhetik zielt, sondern - ähnlich wie konzeptuelle Kunst - gedankliche Strukturen und Kommunikationsprozesse unterstützt. Architektur begreifen sie als "kuratorische Praxis", die dazu beiträgt, vorhandene Energien zusammenzuführen und die Nutzer zur Aneignung zu motivieren.
Von diesem dialogischen Verständnis ist auch ihr in der Fachwelt hochgelobter Beitrag für die Rekonstruktion des Berliner Schlosses geprägt. Im Wettbewerb hatten sie - trotz hervorragender Entwurfsqualitäten - nur einen Sonderpreis erhalten, weil sie sich über die zwanghaften Bedingungen der Ausschreibung hinweggesetzt hatten. Tatsächlich ist es ihnen gelungen, das vom Bundestag beschlossene, nach wie vor jedoch umstrittene Rekonstruktionsprojekt im baulichen Konzept selbst zur Diskussion zu stellen. Ihr Vorschlag, die historische Schlosskubatur in Backstein zu bauen, gewissermaßen als abstrahierten "fertigen Rohbau", die Fassadenornamente jedoch Schritt für Schritt nur in dem Maße anzubringen, wie dies durch bürgerschaftliche Kraft zu bewerkstelligen ist, würde einen gesellschaftlichen Prozess mit offenem Ende stimulieren, statt nostalgische Sehnsüchte schnell zu befriedigen. Mit der Hervorhebung dieses Entwurfes bezieht die Kritiker-Jury in der Schlossdebatte ausdrücklich Position gegen die rückwärtsgewandte politische Weichenstellung.
Jury:
Ursula Baus, Stefanie Endlich, Thomas Thieringer
Den Kritikerpreis 2009 für Bildende Kunst erhält
Ulrich Wagner
In seinen Arbeiten verbinden sich zwei Grundpositionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zum einen die abstrakt-konkrete Kunst, die ästhetische und gedankliche Möglichkeiten von Form und Farbe auslotet und zu immer neuen Elementen und Strukturen zusammenfügt. Zum anderen die gesellschaftskritische realistische Haltung, die Gesetze und Regeln der rein formalen Systeme hinterfragt und deren Geschichtlichkeit und Herrschaftscharakter offenlegt. Das Spannungsfeld, das aus der Verbindung dieser beiden Ansätze entsteht, prägt Ulrich Wagners Werkzyklen in all ihren Etappen und Facetten.
Eindrucksvoll sind vor allem jene Arbeiten, die sich mit architektonischen Zeichensystemen auseinandersetzen - dreidimensionale begehbare Lichträume, Land Art- und Grabungsprojekte im öffentlichen Raum, handgeschöpfte, in sorgsamen Arbeitsgängen entstandene Papier- und Buchkunstarbeiten. Ulrich Wagners ästhetisch verfremdete Stadtpläne, Lagepläne, Grundrisse verweisen auf die urbanen Planungen und die Architektur-Visionen der verschiedenen Zeitetappen und Gesellschaftssysteme, von der Antike bis zur Gegenwart, von mythischen Labyrinthen über Militärlager und Idealstädte bis hin zu den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern und zu den Megastädten in Gegenwart und Zukunft. Was hat der Plan einer absolutistischen Idealstadt mit dem eines Konzentrationslagers zu tun? Formale Parallelen der städtebaulichen Konfigurationen werden in ihren grundverschiedenen inhaltlichen Positionen bewusst gemacht, entschlüsselt, aber auch hintertrieben.
Ulrich Wagner wurde 1959 in Köln geboren und lebt heute im rheinlandpfälzischen Oberlascheid. Er war Meisterschüler und Assistent des schottischen Bildhauers Eduardo Paolozzi. Die topographischen Strukturen der Orte, mit denen er sich immer wieder beschäftigt hat, macht er als Dokumente der Zeitgeschichte lesbar, nicht auf pädagogisch eindeutige Weise, sondern durch ästhetische Verwandlungen, die ein weites, auch emotional wirksames Assoziationsfeld eröffnen und dem Betrachter vielfältige Interpretationsmöglichkeiten überlassen. Damit verbindet er die Traditionslinie der "reinen" konkreten Kunst mit den Auseinandersetzungen zur NS-Vergangenheit und den aktuellen Debatten um die Möglichkeiten und Grenzen politisch wirksamer Kunst.
Jury:
Stefanie Endlich, Werner Schulze-Reimpell, Walter Vitt
Den Kritikerpreis 2009 für Fernsehen erhält
die Sendung KULTURZEIT auf 3sat
So wie man manche Leute niemals um acht Uhr abends anrufen darf, weil gerade die Nachrichten im Ersten laufen, so gibt es nach nunmehr zehn Jahren eine enorm gewachsene Fangemeinde für die Magazin-Sendung KULTURZEIT. Dieses frühabendliche höchst erfreuliche Angebot auf 3sat ist ein (im übertragenen Sinn) vielfarbiges Fenster für engagierte Kulturberichte. Vielen Zuschauern ist KULTURZEIT inzwischen unentbehrlich.
Das ausschliesslich "weiche" Feuilleton ist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen heute fast überall passé. Die 3sat-Kulturzeit ist aber besonders gesellschaftskritisch engagiert. Einige Beispiele: moderner Sklavenhandel, Franco-Verehrung in Spanien, Gewalt gegen Oppositionelle in Russland, Mafia in Chicago, Bücher zum Vietnamkrieg, Sterbehilfe. Selbstverständlich kommen Theater, Kunst, Architektur, Film, Literatur nicht zu kurz.
Bei der sicherlich nicht einfach zu koordinierenden, aber wie es scheint täglich doch immer wieder gelingenden Zusammenarbeit von Fernsehredaktionen aus der Schweiz (SFTV), Österreich (ORF) und Deutschland (ARD und ZDF) geht es nicht nur um termingerechte Berichterstattung. Vielmehr liegt den wöchentlich wechselnden Moderatoren und Moderatorinnen die Information über aktuelles Geschehen, vor allem auch deren distanzierte und kritische Betrachtung am Herzen. Klug und geduldig wird nach den Hintergründen gefragt. Die etwas schrille Studiodekoration sollte man nicht missverstehen - der Inhalt der Sendungen ist seriös, unaufgeregt, unspektakulär.
Besonders lobenswert ist auch die frühe Sendezeit, wenn man bedenkt, wie spät "Titel Thesen Temperamente" daherkommen; auch der "Stilbruch" im RBB läuft nach 22 Uhr. Von den 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Mainz nennen wir hier stellvertretend die Redaktionsleiter Armin Conrad und Dr. Monika Sandhack.
Jury:
Iris Denneler, Rainer Höynck, Angelika Kettelhack
Den Kritikerpreis 2009 für Film erhält
die Produktion "Auge in Auge"
von Michael Althen und Hans-Helmut Prinzler
Wie kann man eine deutsche Filmgeschichte in allen ihren Facetten so unterhaltsam wie möglich und so ernsthaft wie nötig in zwei Kinostunden packen?
Michael Althen und Hans-Helmut Prinzler haben das Kunststück fertiggebracht, individuelle Sichten und Erinnerungen von Gleichgesinnten: filmbesessenen Regisseuren, einem Drehbuchautor, einem Kameramann und einem Schauspieler mit verallgemeinernden Überlegungen zur Entwicklung des Films so zu verbinden, dass der Zuschauer unmerklich gebeten wird, einem Workshop für Filmanalyse beizuwohnen. Die Haupteigenschaft des Films, Kunst und Rummelplatzvergnügen in einem zu sein, wird in der Rückbesinnung auf meisterliche Stummfilmszenen ebenso belegt wie in Montagen von Filmküssen, Raucherorgien und Telefonaten. Darüber hinaus aber hat sich das Team die Frage gestellt, was der Film für die Gesellschaft bedeutet und die Politik mit dem Film angestellt hat. Sie belegen die These "dass dort, wo sich die Erinnerungen überschneiden, es womöglich ein Wiedererkennen gibt und ein Bewusstsein dafür, dass alles, was wir heute sehen, wenig wert wäre ohne das, was wir gesehen haben."
Jury:
Margit Voss, Ulrich Gregor, Eberhard von Elterlein
Den Ehrenpreis 2009 für Film erhalten
Barbara und Winfried Junge
Der Verband der deutschen Kritiker zeichnet die Dokumentarfilmregisseure Barbara und Winfried Junge mit seinem Ehrenpreis für ihr Lebenswerk aus.
Das Werk der Dokumentaristen Barbara und Winfried Junge wird - neben 35 Dokumentarfilmen verschiedener Länge - vor allem durch ihr Langzeitprojekt "Die Chronik der Kinder von Golzow" verkörpert, das ihnen einen einzigartigen Platz in der Filmgeschichte sichert. Seit 1961 haben die Junges in einer Folge von zunächst kurzen, dann programmfüllenden Dokumentarfilmen die Lebensgeschichte von Kindern aus dem brandenburgischen Dorf Golzow, beginnend mit der ersten Schulklasse bis zum Erwachsenenalter, über fünf Jahrzehnte und mehrere Generationen hinweg erzählt. Die Chronik fand 2008 mit "... dann leben sie noch heute. Die Kinder von Golzow. Das Ende der unendlichen Geschichte" ihren (vorläufigen?) Abschluss.
In den insgesamt 18 bis heute entstandenen Filmen des Golzow-Zyklus entfaltet sich ein detailgenaues und authentisches Bild des Lebens in der DDR bis zur "Wende", dann der Übergangszeit der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland und schließlich des Lebens in einem neuen Bundesland des wiedervereinigten Deutschlands. Damit sind die Junges zu Chronisten ihres eigenen Landes und der deutschen Gesellschaft geworden - in einer fortlaufenden Serie von Einzel- und Gruppenporträts, die sich durch ihre Nähe und enge menschliche Verbundenheit mit den porträtierten Personen auszeichnen. Individuelle und gesellschaftliche Betrachtungsweise fallen in ihren Filmen zusammen oder entwickeln sich wechselseitig.
Die Junges dokumentieren in ihren Filmen nicht nur das Leben ihrer Protagonisten, sondern reflektieren auch über ihre Arbeitsmethode und die Grundlagen ihres eigenen Schaffens, so beispielhaft in "Drehbuch: Die Zeiten. Drei Jahrzehnte mit den Kindern von Golzow und der DEFA - ein Film über einen Film" (1992-93).
Mit ihrem Werk haben Barbara und Winfried Junge Geschichte geschrieben und gleichzeitig neue Methoden und Maßstäbe dokumentarischer Filmarbeit begründet. Der Dokumentarfilm hat sich hier als wichtige Quelle und als Basismaterial für die Geschichtsschreibung erwiesen.
Hervorzuheben sind nicht nur die Arbeitsweise und Zielsetzung der Junges, sondern auch die dokumentarische Qualität ihrer Filme. Hier nimmt die sehr persönliche, vorsichtige, aber insistente Methode der Befragung und das Zwiegespräch mit den Potagonisten als Zugangsschlüssel zu ihrer Welt eine wichtige Rolle ein, aber auch die einfühlsame Kameraarbeit, die Kunst der Montage sowie der sehr knappe, aber doch Akzente setzende und tagebuchartige Kommentar.
Die Golzow-Filme sind Meisterwerke des Dokumentarfilms von glasklarer Präzision, von menschlicher Wärme und von historisch-analytischem Tiefenblick.
Jury:
Margit Voss, Ulrich Gregor, Eberhard von Elterlein
Den Kritikerpreis 2009 für Hörfunk erhält die Produktion
"Haus aus Stimmen"
Die Hörspiel-Kammeroper für einen Countertenor (Daniel Gloger), zwei Sprecher/Sänger (Chris Pichler, Michael Rotschopf), Schlagzeug (David Haller), Streicher (Offenbacher Streichquartett) und kleinen Chor (Ensemble der Hochschule für Darstellende Künste und Musik, Frankfurt am Main) schildert eine unübliche Dreiecksbeziehung zwischen einer Frau, ihrem Mann und - einem Haus. Das junge Paar zieht ein. Er geht zur Arbeit ins Büro. Sie bleibt zu Hause, schreibt an einem Fernsehspiel. Das Haus beobachtet und kommentiert den Alltag des jungen Paares und mischt sich ein in die aufbrechenden Meinungsverschiedenheiten, in die wachsenden Empfindlichkeiten und Enttäuschungen. Die Frau spielt sogar mit Mordgedanken. Am Ende steht die Trennung und - das Haus wieder stumm und leer.
Schon im Libretto von Silke Scheuermann ist der Gegensatz von hoher Sprache und grauer Alltäglichkeit, zwischen träumerischer Phantasie und peniblem Realismus angelegt. Dementsprechend erstreckt sich auch die Spannweite der musikalischen Kompositionen von gängigen musikalischen Genres wie Chanson oder Paso Doble über Einspielungen von Schlagzeug, Vokalensemble und Streichquartett bis hin zu abstrakten elektronischen Tonmustern. Cathy Milliken und Dietmar Wiesner gelingt es, aus dem Zusammenspiel komplexer Elemente, aus parodistischen Anspielungen und ironischen Brechungen eine originelle eingängige Klangsprache zu entwickeln, die auf den Hörer eine suggestive Faszination ausübt.
"Haus aus Stimmen" ist im November 2007 im Rahmen der ARD-Hörspieltage in einer szenischen Fassung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe vorgestellt worden. Die für das Medium Rundfunk dramaturgisch neu eingerichtete Fassung erlebte ihre Erstsendungen dann in der zweiten Junihälfte 2008 auf HR2, DLF und SWR2. In dieser Gemeinschaftsproduktion des Hessischen Rundfunks (Dramaturgie und Redaktion: Manfred Hess) mit dem Südwestrundfunk und dem Deutschlandfunk zeigt sich beispielhaft das Bestreben, über die Grenzen von künstlerischen Sparten und institutionellen Interessen hinweg neue Formen der Hörkunst zu entwickeln und zu erproben.
Jury:
Klaus Klingbeil, Dieter Schnabel, Hans-Jörg Grell
Den Kritikerpreis 2009 für Literatur erhält
Ursula Krechel
für ihren Roman "Shanghai fern von wo", der sich einem bisher vernachlässigten Aspekt des deutschen Exils während der nationalsozialistischen Jahre widmet.
Von einem Tatsachenroman zu sprechen scheint nicht falsch, denn die handelnden Personen bleiben im Besitz ihrer eigenen Biografien. Trotzdem ist das Buch weit weg von dem, was man als Dokumentation bezeichnen könnte, sondern erweist sich als großer literarischer Wurf.
Krechel schafft aus den historischen Fakten eine poetisch vibrierende Textur aus wild schlingernden Lebensgeschichten. Sie entfaltet tragikomisch grundierte und oft ins Nichts führende Überlebensstrategien von Menschen, die radikal ihrer Wurzeln beraubt wurden und sich völlig neu erfinden mussten.
Es gelingt ihr, aus der Lebensgeschichte einiger weniger Hauptfiguren ein komplexes zeitgeschichtliches Panorama zu entwickeln, das weit über den Nukleus der exterritorialen Stadt, in die man auch nach 1938 noch ohne Visum fliehen konnte, hinausgeht. Konsequent erzählt Ursula Krechel daher nicht nur vom Existenzkampf in Shanghai, vom Leben und Sterben im Ghetto, von Widerspenstigkeit und Resignation, sondern auch vom vergeblichen Kampf um Gerechtigkeit im Wirtschaftswunder-Deutschland.
Ihre Sprache bleibt dabei stets von einer kühlen Zärtlichkeit. Gerade dieser Schwebezustand zwischen Distanz und Emphatie unterscheidet ihren Roman von den vielen anderen Versuchen, die Geschichte der Moderne auf poetische Art und Weise zu rekonstruieren.
Jury:
Ariane Thomalla, Gabriele Weingartner, Marlis Gerhardt
Den Kritikerpreis 2009 für Musik erhält
Lothar Zagrosek
Lothar Zagrosek wirkte u.a. als musikalischer Leiter und Generalmusikdirektor der Grand Opéra in Paris, der Oper Leipzig und der Württembergischen Staatsoper Stuttgart, bevor er aus dieser Position 2006 als Chefdirigent zum damaligen Berliner Sinfonie-Orchester wechselte.
In den vergangenen Jahren gelang ihm eine eindrucksvolle Neupositionierung dieses herausragenden und verjüngten Klangkörpers der Stadt Berlin. Durch die Umbenennung in Konzerthausorchester wurde die Verbindung mit der hauseigenen Spielstätte auch symbolisch verbessert. Die prekäre Akustik, mit der man sich zuvor abgefunden hatte, wurde entscheidend verbessert. Besonders hervorzuheben ist aber Zagroseks unkonventionelles Programmdenken, durch welches das Orchester auch z. B. beim Musikfest der Berliner Festspiele viele neue Hörer gewonnen hat. Halbszenische Opernprojekte fanden weite Beachtung.
Zagrosek ist einer der wenigen Dirigenten, die Musik aller Stilarten und Epochen gültig aufführen können. Er ist ein hervorragender Mozart-Dirigent in Oper wie Konzert, ein engagierter Ausgräber vergessener Werke der klassischen Moderne und offen für die Musik von heute. Mit Programmen, die stets das Ganze der Musik im Blick haben, hat er Neugierige angezogen, aber auch den Alltag des Abonnentenkonzertes offener gestaltet und die Zahl der Abonnenten in schwierigen Zeiten erhöhen können. Daneben ist Zagrosek mit solch originellen Projekten wie einem Publikumsorchester oder einem Workshop für Laien-Dirigenten auf seine Zuhörer zugegangen. Unter seinen zahlreichen Aktivitäten zur musikalischen Nachwuchsförderung ist vor allem sein anhaltendes Engagement für die Junge Deutsche Philharmonie zu nennen.
Jury:
Klaus Klingbeil, Thomas Thieringer, Martin Wilkening
Den Kritikerpreis 2009 für Tanz erhält
Heinz Spoerli
Geboren am 8. Juli 1941 in Basel studierte Heinz Spoerli in der Schweiz, in den USA und in England. 13 Jahre lang war er als Tänzer in Basel, Köln, in Kanada und in Genf tätig, bevor er 1973 Ballettmeister und fünf Jahre später Ballettdirektor in Basel wurde. In dieser Funktion war er von 1991 bis 1996 an der Deutschen Oper am Rhein tätig. Seit 1996 ist er Ballettdirektor in Zürich.
1967 präsentierte er noch als Tänzer in Calgary seine ersten choreographischen Arbeiten: "Tanz für zwei" und "Temptation". Den Durchbruch als Choreograph schaffte er 1972 in Genf mit "Le chemin". Obwohl ihm auch eindrucksvolle abstrakte Ballette gelangen, ist seine Domäne das Handlungsballett.
Der als Gastchoreograph in Berlin, Graz, Helsinki, Hongkong, Lissabon, Mailand, Paris, Stockholm, Stuttgart und Wien Erfolgreiche nennt sich selbst "Tanzmacher" mit der Begründung: "Diese Bezeichnung beschreibt meine Leidenschaft, meine Motivation und mein Schaffen schnörkellos."
Die
Grundlage der Werke von Heinz Spoerli ist die klassische Danse d'École.
Der Tanz ist seiner Meinung nach "ein Instrument, um Musik zu
visualisieren, um eine zusätzliche erlebbare Dimension zu schaffen.
Eigentlich die Symbiose von Klang und Bewegung". Sein Credo lautet:
"Wer sich bewegt, drückt sich aus. Ohne Worte. Wer tanzt, erzählt eine
Geschichte." Das spiegelt sich in den über hundert Balletten wider, die
Heinz Spoerli in rund 40 Jahren choreographiert hat. Das gilt für seine
abendfüllenden Handlungsballette - von denen wenigstens einige genannt
seien, die er nicht nur in einer Version vorgelegt hat, wie etwa "Ein
Sommernachtstraum", "Romeo und Julia", "Schwanensee", "Don Quixote" und
"Der Nussknacker" - ebenso wie für kurze abstrakte Tänze. Immer hat ihn
das Gegensätzliche gereizt, wobei für ihn alle Wahrheit in der
Perfektion liegt.
Heinz Spoerli ist nicht nur einer unserer
kreativsten, sondern auch einer der vielseitigsten Choreographen
unserer Zeit, dessen Handschrift unverwechselbar ist. In seinen
meisterhaften Arbeiten geht es um zwischenmenschliche Beziehungen, um
Freud und Leid, um Sehnsucht und Schmerz - und auch die Komik kommt
nicht zu kurz. Damit beschreibt er mit tänzerisch-choreographischen
Mitteln mit hoher Ästhetik den gesamten Kosmos menschlichen Lebens.
Seinem Lebenswerk gebührt dieser Preis.
Jury:
Dieter Schnabel, Klaus Klingbeil, Angelika Cromme
Den Kritikerpreis 2009 für Theater erhält
Tobias Wellemeyer
Er hat ein Herz für die Leute auf der Straße, will das Theater als einen für jedermann offenen Ort: zum Heimisch-Fühlen, Ängste-Teilen, Neues-Lernen, zum Auf-den-Putz-Hauen, Heulen, Kichern oder auch mal nur so zum Beieinander- und Glücklichsein. Theater also als Lebensort für alle. So will das der Menschenliebhaber Tobias Wellemeyer, der als cleverer Manager, als subtiler Machtmensch freilich auch ganz pragmatisch denkt. Denn: ein leeres Theater kann kein gutes Theater sein.
Als dünnhäutiger Künstler denkt Wellemeyer freilich zuerst und zuletzt alles von dem unergründlichen Punkt her, an dem eine jede Seele hängt. "Wir sind und bleiben Zerrissene", sagt er. Organisiert mithin kein Allerweltstheater, sondern eins, das so genau wie nötig und so poetisch wie möglich vielerlei Arten Geschichten, die viele betreffen, auf vielerlei Art erzählt. Und immer erzählen sie, bei Wellemeyer-Inszenierungen besonders bildmächtig, komödiantisch, musikalisch, von den Rissen, Sprüngen, Abgründen in uns - und von den Seligkeiten.
So wurde das Theater Magdeburg unter Tobias Wellemeyers Regie zu einem der beliebtesten öffentlichen Orte in der noch immer von Depression schwer gebeutelten Stadt. Das Stadttheater als starkes Antidepressivum. Und Gesamtkunstwerk. Also nicht nur "soziale Plastik", nicht nur feinnervige Seelenerkundung, politischer Aufklärungsbetrieb oder Nachhilfeunterricht, sondern immer auch: prall gefüllte Wundertüte.
Jury:
Reinhard Wengierek, Uwe Kraus, Wilhelm Roth